Höchst beobachtenswert

seefunk-Beitrag „Höchst beobachtenswert“ als Podcast – viel Vergnügen und Inspiration beim Anhören:

Lesezeit: 10 min

Wie wir auf eine Situation blicken und was wir sagen oder denken, schafft den Rahmen, wie wir mit uns selbst und mit anderen in Kontakt sind. In der Gewaltfreien Kommunikation unterscheiden und trennen wir das, was wir beobachten, davon wie wir etwas bewerten. Dazu nachfolgend vier Beispiele:

Mit Blick auf den Schreibtisch einer Kollegin: „In diesem Chaos könnte ich keinen klaren Gedanken fassen“ [Bewertung/Vorwurf]; oder stattdessen:
„Ich sehe Akten, Bücher, Papierstapel und eine Kaffeetasse und frage mich, wo Platz für den Ordner ist, den wir gemeinsam anschauen wollten.“ [Mögliche Beobachtung]

Zu meiner*meinem Partner*in:
„Immer kommst du zu spät!“ [Bewertung/Vorwurf]; oder stattdessen:
„Du bist gestern 15 und heute 30 Minuten nach der vereinbarten Zeit gekommen und hast mich nicht angerufen, um mir dies mitzuteilen.“ [Mögliche Beobachtung]

Zu meinem Kind:
„Dauernd unterbrichst du mich.“ [Bewertung/Vorwurf]; oder stattdessen:
„Vorhin habe ich telefoniert und du bist ins Zimmer gekommen und hast begonnen, mir etwas zu erzählen. Ich konnte meine Kollegin am Telefon nicht mehr verstehen und habe einen Teil vergessen, was ich mit ihr besprechen wollte.“ [Mögliche Beobachtung]

Zu mir selbst:
„Du bist echt bescheuert.“ [Bewertung/Vorwurf]; oder stattdessen:
„Ich habe jetzt zum zweiten Mal heute kein Brot eingekauft, obwohl ich zwei Mal beim Bäcker vorbeikam.“ [Mögliche Beobachtung]

Den ersten Schritt der Gewaltfreien Kommunikation hat Marshall B. Rosenberg die Beobachtung genannt. Er hat in seinen Ausführungen zu diesem Schritt öfter ein Zitat, das dem indischen Philosoph Jiddu Krishnamurti zugeschrieben wird, erwähnt:

„Die Fähigkeit, zu beobachten, ohne zu bewerten, ist die höchste Form von menschlicher Intelligenz.“

Ich bemerke immer wieder neu beim Lesen dieses Zitates, dass in mir schnell ein hoher Anspruch entsteht. „Die höchste Form menschlicher Intelligenz“, puh, wie soll ich das denn schaffen, noch dazu in einem Moment, in dem ich womöglich total angestrengt, genervt oder schon wütend bin? Sprechen ohne zu bewerten, das ist doch total künstlich. Da tanzen die Bewertungen in meinem Kopf munter drauflos.

Dennoch empfinde ich den ersten Schritt der GFK als so wertvoll. Zum Beispiel dann, wenn es mir wie in den Beobachtungs-Beispielen gelingt, diesen Aspekt direkt in einem Gespräch zu berücksichtigen. Oder im Nachhinein, wenn ich mir eine besondere Rückschau möglich machen kann auf eine Situation, die mich beschäftigt oder auch belastet. Dann kann ich mir bewusst vorstellen, ich blicke auf die Situation so zurück, als ob ich einen Film anschaue oder einen Tonmitschnitt nochmal anhöre. Ich kann mich fragen:

Was sehe, was höre ich, wenn ich jetzt an diesen Moment zurückdenke?

Ich mag an dieser Stelle den Begriff wahrnehmen auch sehr gerne, weil er mich ins Innehalten und Achtsam werden lenkt. Ich bin herausgefordert nicht in meinen altvertrauten „Mustern“ zu bleiben. Denn zu diesen gehört es meist dazu, dem, was ich beobachte, Bewertungen „beizumischen“ – sei es in meinen Gedanken, sei es in der Art, wie ich mit anderen spreche. Dies trennt mich von der Verbindung mit mir selbst und mit anderen.

Und bereits in diesem ersten Schritt ist das Potential für Konflikte oder eben für gewaltfreies Miteinander gegeben. Wenn ich beobachte, wenn ich wahrnehme, dann bin ich herausgefordert, mein bewertendes und urteilendes Denken bewusst zurückzustellen und die Dinge wahrzunehmen, wie sie im Moment gerade sind:

Was genau ist das Verhalten, was sind die beschreibbaren Umstände, die mich an mir selbst oder an anderen stören?

Weil wir es jedoch so gewohnt sind, die Erfahrung, die wir machen, die Dinge oder die Menschen, die uns begegnen, zu benennen, zu bewerten und einzuordnen, ist die Gefahr eben groß, dass wir jede Menge Zuschreibungen und Urteile, positive und negative, in die Welt und in unser Miteinander bringen. Bewertungen sind dabei nicht per se schlecht. Sie dienen uns z.B. dazu, uns in einem potenziellen Gefahrenmoment zu schützen. Allzu häufig bewerten wir jedoch, ohne weitere Optionen der Wahrnehmung in Betracht zu ziehen. Auch mit uns selbst gehen wir oft wenig wohlwollend und unterstützend um, sondern lassen unsere kritischen Anteile in uns nur allzu laut werden.

Das meiste, was ich so erlebe, ist also mit Blick auf das Krishnamurti-Zitat höchst beobachtenswert. Damit eröffne ich mir einen Raum, der reduziert, entschleunigt und meine Aufmerksamkeit auf den gegenwärtigen Moment lenkt. Auch wenn ich im Nachhinein nochmals auf einen Moment schaue, kann ich bewusst meinen urteilenden Verstand ablegen und mutig hinschauen, was genau passiert ist oder was ich wahrgenommen habe. Mit einer konkreten Beobachtung und meiner Beschreibung des Momentes wie ich ihn z.B. sehe oder die gesagten Worte noch im Ohr habe ist das, womit ich mit mir selbst oder mit anderen wieder in Kontakt darüber kommen möchte, meist viel klarer nachvollziehbar und damit steigt die Chance, dass das, was wir uns im Kontakt wünschen auch so stattfinden kann. Hilfreich ist dabei z.B.:

  • Konkretes Beschreiben statt Verallgemeinerungen wie „immer“, „nie“
  • Verhalten beschreiben statt Personen bzw. ihr Verhalten bewerten
  • Selbstverantwortung für meine Beobachtung/ Bewertung statt Schuldvorwürfe

Diesen höchst beobachtenswerten Raum kann ich z.B. mit diesen Fragen gestalten:

„Was höre, sage, sehe, rieche, ertaste ich?“

und

„Welche Gedanken, welche Bewertungen kommen mir aufgrund dieser Beobachtung/ dieser meiner Warnehmung in den Sinn?“

Diese Fragen sind gleichzeitig eine Einladung, zu üben. Wenn ich immer wieder bewusst meine Beobachtung von meiner Bewertung trenne, so kann ich mich von alten, mir nicht dienlichen Denkweisen, Mustern, Vorurteilen verabschieden. Und immer öfter im Moment und nicht erst im Nachhinein so in Verbindung kommen, wie es mir und den anderen dient.

Ganz im Sinne Viktor Frankl’s:
„Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum. In diesem Raum liegt unsere Macht zur Wahl unserer Reaktion. In unserer Reaktion liegen unsere Entwicklung und unsere Freiheit.“

Ein wie ich finde vergnügliches und sehr eindrückliches Video mit Marshall Rosen beschäftigt sich mit den Möglichkeiten des objektiven Beobachtens:

Viel Spaß beim Üben…

Herzliche Grüße, Sabine Dieterle

klarseen mit Gewaltfreier Kommunikation

klarseen – Was ist das denn? Und Gewaltfreie Kommunikation?

Auf den Namen klarseen kamen wir, weil er das beinhaltet, was Gewaltfreie Kommunikation für uns bedeutet und wie wir sie mit Leben füllen wollen:

Klar – Synonyme für klar sind u.a.: genau, eindeutig, einleuchtend, transparent, deutlich und fassbar.

Und genau das sind die vier Schritte der Gewaltfreien Kommunikation:

Der erst Schritt, die Beobachtung beschreibt genau, über was ich sprechen möchte.

Der zweite Schritt, der Ausdruck meiner Gefühle, macht transparent, wie es mir geht.

Der dritte Schritt, das Sprechen über die Bedürfnisse, macht meinem Gegenüber oder mir selbst deutlich, um was es mir geht.

Und mit dem vierten Schritt, der konkret formulierten Bitte wird für meine*n Gesprächspartner*in fassbar, wie er oder sie zur Erfüllung meiner Bedürfnisse beitragen kann. Oder auch für mich selbst, um was ich mich selbst bitten möchte.

Für uns ist die Gewaltfreie Kommunikation einfach einleuchtend und klar.

Seen – Der Wortteil steht gleich für 3 unterschiedliche Aspekte:

Zum einen steht er für See: Ein See ist tief und es gibt eine Wasseroberfläche. In einen See kann ich ganz tief eintauchen und Schätze heben. In der Wasseroberfläche kann ich mich selbst sehen, mich selbst erkennen oder ich kann mein Gegenüber gespiegelt auf der Wasseroberfläche sehen.

So kann ich mit Hilfe der Gewaltfreien Kommunikation Neues entdecken, Schätze heben, mich Selbst oder auch meine Mitmenschen besser kennenlernen.

Zum anderen steht seen für uns als Wortspiel für Sehen:

Wir wollen mit Hilfe der Kommunikation klarse(h)en: Was ist mir selbst wichtig? Um was geht es mir wirklich in einem Streit? Was brauche ich? Aber auch: Was ist meinem Gegenüber wichtig? Um was geht es meinem Gegenüber in einem Streit? Was brauchst du?

Und als drittes möchten wir mit diesem Wortspiel auch deutlich machen: Die Gewaltfreie Kommunikation darf Spaß machen. Es muss nicht immer alles nur ernst und schwer sein, sondern darf leicht sein. Wie in einem Spiel dürfen „Fehler“ gemacht werden, können wir bemerken, was wir im Nachhinein gerne anders ausdrücken wollen oder auf welche Weise wir mit mehr Verbindung mit uns selbst und anderen in Kontakt kommen. Und je mehr wir miteinander üben, desto leichter fällt uns diese neue, vielleicht auch erst einmal ungewohnte oder befremdliche Art der Kommunikation.

Wir freuen uns über jede*n, der oder die Lust hat,  mit uns zusammen klar zu seen!