Vielleicht ist das Glück schon da. Nicht erst am anderen Ufer.

Podcast – für alle, die lieber hören als lesen :

Blogtext: Lesezeit: ca. 9 min

Vielleicht ist das Glück schon da

Nicht erst am anderen Ufer

August.

Für viele beginnt jetzt eine Zeit, auf die sie lange gewartet haben: Urlaub, weniger Termine, raus aus dem Alltag. Zeit für Familie, Freunde See, Berge oder Meer. Endlich durchatmen und das tun, wofür in den vergangenen Wochen wenig Raum war.

Wenn diese arbeitsreiche Zeit vorbei ist, wird es leichter.
Wenn ich diese Aufgabe geschafft habe, kann ich mich entspannen.
Wenn der Urlaub beginnt, werde ich ruhiger.
Wenn ich beruflich weiterkomme, fitter bin oder endlich Ordnung geschaffen habe, werde ich zufriedener sein.

Kennst du solche Gedanken?

Das Glück erscheint wie ein Ort am anderen Ufer. Nur noch diese eine Strecke, dieses Ziel, diese Veränderung – dann bist du da.

Und tatsächlich erreichen wir solche Ziele. Wir erhalten eine Zusage für einen Job, schließen ein Projekt ab, kaufen etwas, das wir uns lange gewünscht haben, oder sitzen endlich auf der Terrasse der heiß ersehnten Ferienwohnung und blicken aufs Meer.

Für einen Moment fühlt sich das wunderbar an.

Doch schon bald wird das Erreichte vertraut. Der berufliche Erfolg gehört nun zum Alltag, die neue Anschaffung verliert ihren besonderen Reiz und selbst der schönste Ausblick wird selbstverständlich.

Die Psychologin Laurie Santos beschäftigt sich mit der Frage, warum wir so häufig falsch einschätzen, was uns langfristig zufriedener macht. Sie lehrt an der Yale University und vermittelt in ihrem Podcast „The Happiness Lab“ Erkenntnisse aus der psychologischen Glücks- und Verhaltensforschung.

Eine ihrer zentralen Botschaften lautet:

Wir sind erstaunlich schlecht darin, vorherzusagen, was uns wirklich glücklich machen wird.

Wir richten unsere Aufmerksamkeit besonders leicht auf das, was schnell belohnt, sichtbar oder mit anderen vergleichbar ist. Geld, Erfolg, Anerkennung, eine Neuanschaffung oder der perfekte Urlaub versprechen ein klares Ziel und ein unmittelbares gutes Gefühl.

Was unser Wohlbefinden langfristig stärkt – etwa Verbundenheit, Erholung oder bewusst erlebte Zeit –, wirkt oft leiser und lässt sich weniger leicht messen. Deshalb überschätzen wir schnell, wie dauerhaft äußere Ziele unsere Zufriedenheit verändern.

Die Zufriedenheitstretmühle

Bevor wir diesen Zusammenhang genauer betrachten, braucht es eine wichtige Abgrenzung: Glück ersetzt keine sicheren Lebensbedingungen. Ausreichendes Einkommen, körperliche Sicherheit, gesellschaftliche Teilhabe und verlässliche Beziehungen beeinflussen unser Wohlbefinden grundlegend.

Geldsorgen, Krankheit, Einsamkeit, Diskriminierung und strukturelle Benachteiligung, um nur eine Auswahl zu nennen, sind reale Belastungen. Sie entstehen nicht durch eine falsche innere Haltung und lassen sich weder durch positives Denken noch durch ein Dankbarkeitstagebuch auflösen.

Diese Unterscheidung ist wichtig, damit die Verantwortung für Wohlbefinden nicht allein beim einzelnen Menschen landet.

Laurie Santos richtet den Blick auf einen anderen Bereich: auf Situationen, in denen die grundlegenden Lebensbedingungen weitgehend gesichert sind und wir dennoch erwarten, dass uns vor allem das nächste Mehr dauerhaft zufriedener machen wird. Genau dort beginnt die Zufriedenheitstretmühle.

Wir strengen uns an, arbeiten härter und richten unseren Blick auf das nächste Ziel. Wenn wir es erreichen, fühlen wir uns zunächst besser. Doch unser Gehirn gewöhnt sich an das Erreichte. Das kurze Hochgefühl wird zum neuen Normalzustand – und bald erscheint das nächste Ziel, von dem wir uns mehr Zufriedenheit versprechen.

So laufen wir weiter, ohne uns auf Dauer zufriedener zu fühlen.

Dieses Muster wird als Zufriedenheitstretmühle beschrieben. In der Forschung spricht man von hedonistischer Anpassung:

Wir gewöhnen uns an Schönes.

Am ersten Urlaubstag nimmst du die Luft, das Licht und den Blick vom Balkon bewusst wahr. Einige Tage später fällt dir eher die langsame Kaffeemaschine oder der laute Nachbartisch auf.

Diese Gewöhnung hat auch eine hilfreiche Seite. Sie unterstützt uns dabei, nach schwierigen Erfahrungen wieder ins Leben zurückzufinden. Zugleich führt sie dazu, dass positive Veränderungen meist kürzer wirken, als wir erwarten.

Ziele und Wünsche verlieren dadurch nicht ihren Wert. Doch es lohnt sich, genauer hinzuschauen:

Was erhoffe ich mir innerlich davon? Weshalb strenge ich mich so an?

Mit dem Wunsch nach dem perfekten Urlaub verbinden wir beispielsweise Bedürfnisse nach Ruhe, Erholung und Leichtigkeit.
Mit beruflichem Erfolg verbinden wir Anerkennung, Wirksamkeit und Bedeutung.
Mit einer Reise ans andere Ende der Welt verbinden wir Lebendigkeit, Freiheit und Entdeckung.
Mit einem schönen Zuhause verbinden wir Geborgenheit, Sicherheit und Zugehörigkeit.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur:

Was möchte ich erreichen?

Sondern auch:

Wo kann ich etwas von dem, wonach ich mich sehne, schon heute erleben?

Ankommen statt den perfekten Urlaub schaffen

Gerade im Urlaub wird sichtbar, wie schwer diese Frage manchmal zu beantworten ist. Der Körper sitzt bereits am See, während der Kopf noch im Büro ist.

Zugleich soll der Urlaub all das erfüllen, wofür im Alltag wenig Raum war: Ruhe, Nähe, gemeinsame Zeit und Zeit, die nur dir gehört. Aus einem Wunsch wird schnell ein hoher Anspruch. Die Tage sollen schön, harmonisch und erholsam werden.

Wenn dann Müdigkeit, Streit, schlechtes Wetter oder unterschiedliche Wünsche auftauchen, entsteht leicht der Eindruck, der Urlaub sei misslungen.

Doch die Bedürfnisse, die wir mit dem Urlaub verbinden, erfüllen sich nicht erst dann, wenn alles perfekt ist. Erholung kann damit beginnen, wahrzunehmen, was gerade da ist:

Ich bin erschöpft.
Ich brauche Zeit, um langsamer zu werden.
Wir haben unterschiedliche Bedürfnisse.
Nicht jeder Moment muss besonders sein.

Auch Vergleiche erschweren dieses Ankommen. Auf dem Smartphone begegnet dein als unvollständig erlebter Urlaubsalltag dem ausgewählten Sonnenuntergang anderer Menschen.

Aus: „Das sieht schön aus.“

wird schnell: „So müsste mein Urlaub auch aussehen.“

Damit wandert die Aufmerksamkeit erneut nach außen: zu dem, was noch fehlt, anders sein oder besser werden müsste.

Hilfreicher ist eine andere Orientierung: Was tut mir gerade wirklich gut?

Und uns da unabhängig zu machen davon, was geplant war und so vielleicht nicht stattfindet oder auch davon, was wir auf Social Media oder auch bei den Nachbarn sehen.

Was unser Wohlbefinden stärkt

Genau hier setzt die Glücksforschung an. Sie verweist nicht auf das nächste große Ziel, sondern auf überraschend Naheliegendes: ausreichend Schlaf, Bewegung, bewusst gelebte Dankbarkeit, positive Erfahrungen und tragfähige Beziehungen.

Ein gutes Gespräch, gemeinsame Zeit oder ein stiller Moment am Wasser können Bedürfnisse nach Verbundenheit, Ruhe und Lebendigkeit bereits jetzt erfüllen. Erfahrungen wirken dabei häufig stärker nach als eine weitere Anschaffung.

Entscheidend ist jedoch, ob wir wirklich anwesend sind.

Ein schöner Moment vergeht schnell, wenn der Kopf schon beim nächsten Programmpunkt ist oder auf der To-Do-Liste weiter wandert. Bewusstheit hilft uns, ihn nicht nur zu haben, diesen Moment, sondern ihn auch innerlich aufzunehmen. Körprlich zu erfahren.

Glück muss sich dabei nicht groß oder besonders anfühlen. Es kann in einem guten Gespräch liegen, in ehrlichem Interesse, dass wir erleben, oder schenken, in einem langsamen Atemzug, den wir ganz bewusst gestalten oder in dem Gefühl, mit einem Menschen verbunden zu sein.

Drei kleine Übungen die Laurie Santos in die Welt gebracht hat können helfen, solchen Erfahrungen mehr Raum zu geben. Ich finde sie passen gut zur Gewaltfreien Kommunikation!

Drei Übungen für den August

1. Zwölf Sekunden für eine positive Erinnerung

Wenn dir etwas guttut, bleib etwa zwölf Sekunden bewusst dabei.

Anhaltende Aufmerksamkeit unterstützt das Gehirn dabei, eine positive Erfahrung nicht nur kurz wahrzunehmen, sondern mit Gefühlen und Körperempfindungen als Erinnerung zu verarbeiten. So kann sie später leichter als innere Ressource für Wohlbefinden und Regulation verfügbar werden. Wir bahnen sozusagen einen breiteren Weg neurologisch. Sodass wir in Momenten, in denen es uns nicht so gut geht schneller auf dieses körperliche Wohlbefinden zurückgreifen können.

Die zwölf Sekunden dienen nach Rick Hanson als gut merkbare Orientierung, um einer positiven Erfahrung ausreichend Aufmerksamkeit zu schenken, sodass diese in unserem gehirn und als Körpererleben gespeichert werden kann.

Nimm wahr, was du siehst, hörst und im Körper spürst – bevor du weitergehst oder den Moment fotografierst.

2. Wohlbefinden konkret einplanen

Laurie Santos empfiehlt, nicht nur zu wissen, was unser Wohlbefinden stärkt, sondern dafür konkrete Zeit im Alltag einzuplanen. Denn solange wir unsere Zufriedenheit vor allem an mehr Geld, beruflichen Erfolg, Anerkennung, eine Neuanschaffung oder den perfekten Urlaub knüpfen, bleiben Ruhe, Verbundenheit und Erholung leicht auf später verschoben.

Ihre Anregung lautet deshalb: Entscheide möglichst konkret, wofür du weniger und wofür du mehr Zeit einsetzen möchtest.

Zum Beispiel:

Eine Stunde weniger am Handy.
Eine Stunde mehr mit einem Menschen, den du gerne um dich hast.
Ein neues Kleid weniger – und eines, das du schon besitzt, wieder bewusst tragen: verbunden mit der Erinnerung an den Abend, an dem du es bei einem besonderen Anlass getragen hast. Oder natürlich auch ein Hemd oder T-Shirt 😉
Einen Urlaubstag bewusst offenlassen.

So entsteht Zeitwohlstand: das Erleben, genügend Zeit für das zu haben, was dir wichtig ist.

Beim Kaffee nur Kaffee trinken.
Beim Schwimmen das Wasser spüren.
Zuhören, ohne gedanklich schon die nächste Antwort vorzubereiten.

Damit du beim Kaffee, beim Schwimmen oder im Gespräch wirklich anwesend sein kannst, braucht es manchmal ein Nein, weniger Programm oder die innere Erlaubnis, dass nicht jeder Moment besonders und harmonisch sein muss.

3. Dankbarkeit konkret werden lassen

Dankbarkeit bleibt vage, wenn sie nur lautet:

„Eigentlich habe ich es doch gut.“

Konkrete Dankbarkeit richtet den Blick auf einen bestimmten Menschen, einen bestimmten Moment und die Wirkung, die etwas auf dich hat:

„Dass du gestern das Essen übernommen hast, hat mir eine Pause ermöglicht und mir sehr gutgetan. Danke.“

Du kannst diesen Gedanken aufschreiben oder ihn der Person direkt mitteilen. Auch du selbst kannst die Person sein, der du dankst:

„Ich bin mir dankbar, dass ich heute eine Pause gemacht habe, obwohl noch nicht alles erledigt war.“

Dankbarkeit erweitert unseren Blick. Das Schwierige bleibt in unserem Leben, es bleibt sichtbar – und zugleich nehmen wir bewusster wahr, was uns unterstützt, berührt oder entlastet.

Diese Haltung ist etwas anderes als der Anspruch, sich gut fühlen zu müssen. Wohlbefinden entsteht nicht dadurch, dass unangenehme Gefühle verschwinden.

Glück ist nicht dasselbe wie gute Laune

Auch Glück kann zum neuen Anspruch werden:

Ich müsste dankbarer sein.
Mich schneller entspannen.
Den Moment besser genießen.

Doch Glück ist nicht dasselbe wie gute Laune. Ein gutes Leben bedeutet nicht, dich immer gut zu fühlen. Auch Müdigkeit, Trauer, Wut oder Enttäuschung gehören dazu.

Glück kann leiser sein:

ein Moment, in dem es gerade passt,
ein gutes Gespräch oder geteilte Zeit,
ein bewusstes Spüren und Wahrnehmen.

Vielleicht ist das Glück schon da

Du musst nicht erst am anderen Ufer ankommen.

Manchmal genügt es, einen Augenblick zu bleiben.

Zu schauen.
Zu spüren.
Nichts verbessern zu müssen.

Vielleicht ist das Glück schon da.

Du sitzt längst am See.

Und wenn du das, was dich im Seefunk berührt, gemeinsam mit anderen weiter erkunden und im Alltag verankern möchtest, gibt es dafür verschiedene Erfahrungsräume:

Vom 25. bis 27. September 2026 findet in Tübingen wieder mein Basisseminar „Eintauchen in die Gewaltfreie Kommunikation“ statt:
https://klarseen.de/eintauchen-in-die-gewaltfreie-kommunikation/

Die nächste See-Zeit ist am 10. Oktober 2026. Auch die weiteren Termine für 2026 und die neuen Termine für 2027 findest du bereits online:
https://klarseen.de/gfk-uebungsgruppe-praesenz-online/

Am 28. und 29. November 2026 geht es im Seminar „Zwischen Grenzen und Gekicher – Humor und Empathie im Familienleben“, gemeinsam mit meinem Kollegen Fabian D. Schwarz darum, wie Klarheit, Leichtigkeit und Verbindung im Familienalltag zusammenfinden können:
https://klarseen.de/zwischen-grenzen-und-gekicher-humor-und-empathie-im-familienleben/

Für alle, die sich einen längeren gemeinsamen Übungstag wünschen, gibt es 2027 außerdem wieder zwei Tage am See – GFK vertiefen:
https://klarseen.de/vertiefung-gewaltfreie-kommunikation-tag-am-see/

Ob in einem Seminar, in der Übungsgruppe oder an einem Tag am See: Ich freue mich auf Räume, in denen wir langsamer werden, genauer wahrnehmen und Verbindung, Klarheit und Lebendigkeit entstehen lassen können.

Herzliche Grüße Deine Sabine Dieterle

Keinen Seefunk mehr verpassen…