Begeisterung – wenn etwas in uns zu leuchten beginnt

Podcast – für alle, die lieber hören als lesen :

Blogtext: Lesezeit: ca. 6 min

Begeisterung – wenn etwas in uns zu leuchten beginnt

Während ich diesen Seefunk vorbereitet habe, schaue ich mit einem meiner Söhne mit halbem Ohr und halbem Auge Fußball.

Über Begeisterung wollte ich ohnehin schreiben: einen Seefunk, der ein einzelnes Gefühl etwas tiefer ergründet – und dabei ganz bewusst ein angenehmes.

Und nun setzt sich die Begeisterung einfach mit zu uns aufs Sofa.

Mein Sohn schwärmt von einem seiner Lieblingsspieler, Deniz Undav. Er fiebert mit, bewundert sein Können und lässt sich inspirieren. Während er erzählt, wird auch in mir Begeisterung spürbar. Für Fußball und vor allem für seine leuchtenden Augen. Wie ansteckend Begeisterung sein kann.

Wie oft erlebe ich sie selbst – und was erzählt sie mir darüber, was mir wichtig ist?

Wo zeigt sich meine Begeisterung?

Spontan dachte ich: Meine Fähigkeit, begeistert zu sein, war vermutlich schon einmal größer.

Vielleicht hatte ich Begeisterung vor allem dort vermutet, wo das Leben im Superlativ stattfindet: wo alles gelingt, alles stimmig ist und kaum zu übersehen ist, wie sehr mich etwas mitreißt. In den großen Momenten also – mit einem lauten „Wow!“ und dem Gefühl: Genau so soll es sein.

Doch je länger ich darüber nachdenke, desto mehr nehme ich wahr: Begeisterung begegnet mir auch leiser. Oft dann, wenn ich im Hier und Jetzt bin.

In frischer, saftiger Wassermelone an einem warmen Tag.

Auf dem Stand-up-Paddle, wenn ich erlebe, wie schön es sich anfühlt, mit mir und dem Brett in Balance zu sein – umgeben von der Fülle der Tier- und Pflanzenwelt am Neckar am Morgen.

Im fachlichen Austausch mit meinem Mann, wenn wir Gedanken miteinander bewegen, unterschiedliche Perspektiven verbinden und im Gespräch etwas Neues entsteht.

Oder in Diskussionen mit meinen „Pubertieren“, bei denen ich staune, wie viel Klarheit, Humor und Begegnung möglich sind. Begeisterung sitzt manchmal sogar im Streit mit am Abendbrottisch: im Mut, einen eigenen Weg zu suchen, und in der Gelegenheit, meine eigene Enge weiter werden zu lassen – manchmal erst im Rückblick.

Beruflich entdecke ich sie, wenn Menschen sich mutig auf neue Wege machen, ein Satz etwas öffnet oder jemand sich selbst oder das Gegenüber plötzlich anders versteht.

Und dann dieser Sommer.

Die heftige Hitze fordert mich heraus und setzt zugleich kreative Strategien in Gang. Ich habe das Privileg, meinen Tag manchmal so planen zu können, dass ich mitten am Tag eine Runde schwimmen gehe. Ich bin begeistert von dieser Möglichkeit – und fast noch mehr davon, dass ich sie tatsächlich nutze und selbstfürsorglich mit mir bin.

Die Hitze löst in mir auch Angst und Sorge aus. Gleichzeitig erlebe ich eine ruhige Klarheit: Panik hilft uns nicht weiter. Für Fragen zur Klimakrise brauchen wir Verbindung, gemeinsames Denken und neue Wege.

Auch hier braucht es Begeisterungsfähigkeit: kleine Lösungen wahrzunehmen, erste Schritte zu würdigen und daraus Energie zu schöpfen. Begeisterung für das, was schon da ist – und für das, was wir gemeinsam entwickeln können.

Vielleicht ist meine Begeisterung also gar nicht seltener geworden. Vielleicht zeigt sie sich nur vielfältiger, als ich zunächst dachte.

Das Kaleidoskop unserer Gefühle

Wenn uns jemand fragt, wie es uns geht, antworten wir häufig: „Gut.“

Das ist praktisch. Gleichzeitig kann sich dahinter eine ganze Landschaft verbergen: Bin ich froh, erleichtert oder zufrieden? Berührt, neugierig oder lebendig? Dankbar – oder eben begeistert?

In der Emotionsforschung heißt die Fähigkeit, das eigene Erleben differenziert wahrzunehmen und zu benennen, emotionale Granularität. Die Emotionsforscherin Lisa Feldman Barrett hat dazu intensiv geforscht.

Ich stelle mir unser Gefühlserleben wie ein Kaleidoskop vor.

Körperempfindungen, Gedanken, Erfahrungen und die aktuelle Situation sind wie verschiedenfarbige Steinchen. Schon eine kleine Drehung oder ein Moment des Innehaltens kann ein anderes Muster sichtbar machen.

Was eben noch einfach „gut“ war, zeigt sich beim genaueren Hinsehen vielleicht als Freude, Erleichterung, Stolz, Berührtsein oder Begeisterung.

Dabei geht es nicht darum, möglichst viele Gefühlswörter zu sammeln oder immer das eine richtige Wort zu finden. Ein vielfältiger Wortschatz hilft uns, die Farbspiele unseres Erlebens wahrzunehmen und ihnen einen stimmigen Namen zu geben.

Nach Feldman Barrett sind Gefühlsbegriffe nicht nur Etiketten für bereits fertige Gefühle. Körpererleben, Situation, Erfahrungen und die verfügbaren Begriffe wirken daran mit, wie wir unser Erleben verstehen.

Auch Begeisterung kennt unterschiedliche Farbtöne. Sie kann überschäumend und laut sein. Sie kann aber ebenso leise daherkommen: als inneres Leuchten, als Wärme, als wacher Blick oder als Wunsch, noch länger bei einer Begegnung zu verweilen.

Körper, Gefühl und Gedanke

Die Grafik zu diesem Seefunk zeigt drei miteinander verbundene Bereiche:

Körper – Gefühl – Gedanke.

Begeisterung zeigt sich auch körperlich. Vielleicht werden meine Augen größer. Ich richte mich auf. Meine Stimme wird lebendiger. Ich spüre Wärme im Brustraum, ein Kribbeln, mein Atem fließt freier oder ich spüre neue Energie. Vielleicht möchte ich etwas ausprobieren oder jemanden an meiner Entdeckung teilhaben lassen.

Dazu können Gedanken auftauchen wie:

„Das ist großartig.“
„Davon möchte ich mehr erfahren.“
„Wie schön ist das denn!“
„Da möchte ich mitmachen.“

Körperempfindungen, Gedanken und Gefühle wirken zusammen. Deshalb lohnt es sich zu fragen:

Was fühle ich gerade?
Was denke ich?
Was nehme ich in meinem Körper wahr?

Begeisterung als Wegweiserin

Gefühle sind wertvolle Wegweiser. Sie machen spürbar, wie wir eine Situation erleben, und laden uns ein, neugierig zu werden:

Was berührt mich?
Was ist mir wichtig?
Was nährt mich?
Wo zieht es mich hin?

Angenehme Gefühle können darauf hinweisen, dass wir etwas als stimmig und bedeutsam erleben. Unangenehme Gefühle können sichtbar machen, wo Bedürfnisse unerfüllt sind, wo wir z.B. Schutz, Veränderung, Verbindung oder Zuwendung brauchen.

Auch Begeisterung ist eine solche Wegweiserin. Sie sagt vielleicht:

Hier geschieht etwas, das dich lebendig macht.

Vielleicht trägt das Wort selbst schon eine Spur in sich: be-geist-ert.

Etwas belebt unseren Geist, bringt Gedanken in Bewegung und lässt uns innerlich wacher werden. Vielleicht geht es um Schönheit, Verbindung, Entwicklung, Sinn, Kreativität, Spiel oder Entdeckung. Begeisterung macht sichtbar, wofür wir Energie haben, wo uns etwas Energie schenkt und was uns innerlich bewegt.

Wenn mein Sohn von einem seiner Lieblingsspieler erzählt, erlebe ich Faszination, Bewunderung und Inspiration. Meine Begeisterung über seine leuchtenden Augen erzählt von meiner Freude an seiner Lebendigkeit und davon, ihn in etwas aufgehen zu sehen, das ihm wichtig ist.

Eine kleine Forschungsreise

In der Selbstempathie wenden wir uns häufig dem zu, was schwierig ist. Das ist kostbar und wichtig. Gleichzeitig lohnt es sich, auch angenehme Gefühle genauer zu erforschen: um wahrzunehmen, was uns nährt und lebendig macht, und diesen Erfahrungen Raum zu geben.

Vielleicht magst du in den kommenden Tagen nach deiner Begeisterung Ausschau halten – auch nach den kleinen Funken.

Wann wirst du wacher?
Was geschieht dabei in deinem Körper?
Welche Gedanken tauchen auf?
Und was genau ist dir in diesem Moment wichtig?

Vielleicht entdeckst du Begeisterung in einem Gespräch, in Musik, im ersten Bissen Wassermelone, beim Blick über den See oder in den leuchtenden Augen eines Menschen, den du liebst.

Und vielleicht bist dieser Mensch manchmal du selbst.

Der Blick in den Spiegel ist eine meiner Lieblingsstrategien für Selbstliebe – und tatsächlich etwas, für das ich mich begeistern kann. Selbst an müden oder schweren Tagen entdecke ich manchmal meine Lachfältchen um die Augen.

Sie erinnern mich daran, dass in meinem Gesicht auch die Momente weiterleben, in denen ich gelacht, gestaunt und das Leben genossen habe. Manchmal finde ich über diesen Blick zurück zu einem liebevolleren Blick auf mich selbst.

Am Anfang dieses Seefunks waren es die leuchtenden Augen meines Sohnes.

Am Ende lande ich bei meinen eigenen.

Begeisterung braucht nicht immer Stadionlautstärke.

Manchmal genügt ein leises Leuchten im Spiegel.

Und manchmal wächst dieses Leuchten im Miteinander: wenn wir uns selbst und anderen auf eine neue Weise zuhören, wenn aus Missverständnissen Verbindung entsteht oder wir entdecken, dass Klarheit und Mitgefühl einander nicht ausschließen müssen.

Genau diese Momente begeistern mich auch an der Gewaltfreien Kommunikation. Nicht, weil dadurch jedes Gespräch plötzlich leicht wird. Sondern weil neue Möglichkeiten entstehen können: mich selbst besser zu verstehen, mein Gegenüber wirklich zu sehen und auch in herausfordernden Situationen in Verbindung zu bleiben – mit mir selbst un den anderen – immer öfter.

Vom 25. bis 27. September 2026 öffnet sich dafür wieder ein gemeinsamer Erfahrungsraum in meinem Basisseminar „Eintauchen in die Gewaltfreie Kommunikation in Tübingen. Link: https://klarseen.de/eintauchen-in-die-gewaltfreie-kommunikation/

Ich freue mich, wenn wir uns dabei – oder in einem anderen Rahmen – begegnen: zum Beispiel in der Übungsgruppe See-Zeit, die das nächste Mal am 25. Juli 2026 zusammenkommt. https://klarseen.de/gfk-uebungsgruppe-praesenz-online/

Wo auch immer wir uns begegnen: Ich freue mich auf Räume, in denen Verbindung, Klarheit und Begeisterung entstehen dürfen.

Herzliche Grüße Deine Sabine Dieterle