Blogtext
Podcast – für alle, die lieber hören als lesen
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Und für alle, die weitergehen möchten: KLARSEE – Vom ICH zum DU zum WIR
Jahrestraining 2026/2027, Start: 13.–15.11.2026,
Anmeldung bis 13.08.2026 mit 10 % Frühbucherrabatt
Podcast – für alle, die lieber hören als lesen :
Blogtext: Lesezeit: ca. 6 min
Trösten – zwischen Fürsorge und Selbstschutz
Manchmal klingt Trost freundlich.
Und manchmal ist er es auch.
Ein Satz wie
„Das schaffst du schon.“
„So schlimm ist es doch gar nicht.“
„Versuch, es nicht so schwer zu nehmen.“
kann warm gemeint sein, zugewandt, unterstützend.
Und doch gibt es eine Form des Tröstens, die mein Gegenüber gar nicht wirklich erreicht.
Weil es dabei nicht in erster Linie darum geht, zu verstehen, sondern darum, die Situation für sich selbst schneller wieder aushaltbar zu machen.
Dann wird Trösten zur Selbstberuhigung.
Mehr noch: zu einer stillen Form von Dominanz.
Nicht grob.
Nicht absichtsvoll.
Aber wirksam.
Denn in dem Moment nehme ich mir etwas vom Raum der anderen Person.
Ich beruhige eher nicht mein Gegenüber – ich reguliere vor allem mich selbst.
Und dabei bestimme ich mit, was noch da sein darf und was möglichst bald verschwinden soll.
Wenn Trost ein Gespräch beendet
Vielleicht erzählt dir jemand von einer Enttäuschung, von Angst, von Überforderung.
Und noch bevor das Erlebte wirklich Raum bekommen hat, kommt schon die Beruhigung:
„Das wird bestimmt bald wieder besser.“
„Am Ende ist es halb so wild.“
„Du hast schon ganz anderes geschafft.“
„Versuch, es nicht so schwer zu nehmen.“
„Denk nicht so viel darüber nach.“
Was erstmal nach Unterstützung klingt, kann in Wahrheit eine Kommunikationssperre | eine Dominanzstrategie sein. Lies dazu gerne hinein in den Seefunk „Wenn’s sperrig wird im Miteinander“
Denn, wenn wir so reagieren, dann der Schmerz wird nicht aufgenommen, sondern verkleinert. Die Not bekommt nicht Raum, sondern ein schnelles Etikett:
nicht so schlimm,
wird schon,
weiter jetzt.
Für die Person, die gerade etwas Schwieriges teilt, kann das sehr einsam sein.
Denn sie erlebt nicht:
Ich werde gesehen.
Sondern eher:
Bitte sei schnell wieder anders.
Diese Art zu kommunizieren verhindert eine echte einfühlsame zwischenmenschliche Verbindung
Trösten kann auch Macht ausüben
Das Wort „Dominanzstrategie“ wirkt vielleicht zunächst hart.
Und doch beschreibt es manchmal etwas Wesentliches.
Denn in solchen Momenten wird nicht gemeinsam erkundet, was gerade da ist.
Stattdessen übernimmt eine Person die Deutungshoheit:
Wie schlimm etwas ist.
Wie lange man traurig sein darf.
Welche Gefühle angemessen sind.
Wann es genug sein sollte.
Das ist Macht. Nicht als bewusste Überlegenheit, aber als Versuch, die Kontrolle über das Geschehen und seine Deutung zu behalten – oft unbewusst und doch wirksam.
Der Trost sagt dann nicht nur:
„Ich möchte dir helfen.“
Er sagt unterschwellig auch:
„Ich halte diesen Zustand gerade nicht gut aus.“
„Ich brauche, dass es schnell leichter wird.“
„Bitte bring mich nicht weiter in Kontakt mit deiner Ohnmacht, deiner Trauer, deiner Wut.“
Manchmal ist Trösten deshalb weniger Fürsorge als Selbstschutz.
Sich selbst beruhigen statt dem anderen begegnen
Viele von uns kennen das:
Jemand leidet, und in uns wird es eng.
Wir fühlen uns hilflos.
Überfordert.
Vielleicht erinnert uns das, was das Gegenüber teilt an etwas Eigenes, das wir lieber nicht spüren wollen.
Dann ist Trösten oft ein schneller Weg, um uns selbst zu regulieren.
Wir sagen etwas Aufbauendes.
Etwas Helles.
Etwas, das die Schwere verkürzt.
Nicht immer, weil es unserem Gegenüber dient.
Sondern weil wir selbst uns aus dem Unangenehmen verabschieden möchten.
Das ist sehr menschlich.
Und gleichzeitig verhindert es Verbindung.
Denn echte Verbindung entsteht meist nicht dort, wo etwas rasch wieder gut gemacht wird. Sondern dort, wo etwas einen Moment lang da sein darf, ohne korrigiert zu werden.
Thema wechseln – die elegante Form des Ausstiegs
Manchmal geschieht diese Form des Tröstens noch subtiler.
Da wird gar nicht direkt relativiert.
Stattdessen wird das Gespräch einfach in eine andere Richtung gelenkt.
Jemand sagt:
„Ich merke, wie sehr mich das gerade trifft.“
Und kurz darauf geht es um Lösungen.
Um Organisatorisches.
Um etwas Positives.
Oder um ein ganz neues Thema.
Und eben nicht nur, wenn wir bei Kindern vielleicht mal ablenken, sondern auch in einer Teamsitzung, in einem Meeting, auf einer Familienfeier.
Auch das kann ein Ausweichen sein.
Ein leiser Rückzug aus dem Kontakt.
Denn wer das Thema wechselt, muss nicht länger bei der Unsicherheit bleiben.
Nicht länger bei Tränen, Ratlosigkeit, Schmerz oder Scham.
Die Bewegung ist dann:
weg vom Erleben,
hin zur Kontrolle.
Für das Gegenüber fühlt sich das oft an wie:
Mein Inneres war gerade nur kurz erlaubt.
Was stattdessen helfen kann
Nicht jeder Schmerz braucht sofort Hoffnung.
Nicht jedes schwere Gefühl braucht eine Lösung.
Nicht jedes Gespräch braucht eine Wendung ins Helle.
Oft wäre etwas anderes hilfreicher:
„Oh, das klingt gerade wirklich schwer.“
„Magst du mehr dazu sagen?“
„Ich merke, dass ich nicht gleich etwas Kluges sagen kann – und ich bin da.“
„Das berührt dich sehr, oder?“
„Soll ich einfach einen Moment bei dir bleiben?“
Solche Sätze machen nichts weg.
Sie machen Raum.
Und genau das fehlt oft, wenn Trost vorschnell wird.
Trösten oder begleiten?
Vielleicht ist die entscheidende Frage gar nicht:
Darf ich trösten – oder nicht?
Sondern eher:
Wem dient mein Trost gerade?
Dient er wirklich der anderen Person?
Oder vor allem meiner eigenen Beruhigung?
Hilft mein Satz, dass sich mein Gegenüber tiefer gesehen fühlt?
Oder führt er dazu, dass das Schwierige rascher verschwindet – wenigstens aus meinem Blick?
Manchmal ist Trost etwas sehr Zartes und Heilsames.
Dann, wenn er nicht über das Erleben hinweggeht, sondern sich dazusetzen kann.
Und manchmal ist Trost eine höfliche Art, ein Gespräch zu schließen.
Nicht aus Bosheit.
Sondern aus Überforderung.
Gerade weil Überforderung so menschlich ist, lohnt es sich, ihre Wirkung ernst zu nehmen.
Vielleicht beginnt Verantwortungsübernahme genau dort:
wo wir sie nicht überspielen, nicht mit schnellen Worten verdecken, sondern uns mit ihr echt zeigen.
Aufrichtig genug, um nicht vorschnell zu trösten.
Und offen genug, um zu sagen: Ich merke, dass mich das gerade selbst überfordert.
Vielleicht beginnt Verbindung genau hier
Vielleicht beginnt echte Begegnung dort, wo wir aufhören, etwas schnell besser machen zu wollen.
Wo wir nicht sofort aufrichten.
Nicht umdeuten.
Nicht weglenken.
Sondern einen Moment länger bleiben.
Bei dem, was weh tut.
Bei dem, was unklar ist.
Bei dem, was wir nicht lösen können.
Das ist oft weniger glänzend als ein aufmunternder Satz.
Und zugleich viel ehrlicher.
Denn nicht alles braucht Trost.
Manches braucht zuerst Resonanz.
Resonanz heißt für mich: Mein Erleben findet im anderen einen Antwort-Raum.
Nicht im Sinn von schnellen Ratschlägen oder Trost, sondern als spürbares Mitgehen.
Ein Gegenüber, das nicht ausweicht, nicht glättet, nicht umlenkt – sondern einen Moment mitschwingt.
Und vielleicht ist genau das eine der stillsten Formen von Mitgefühl:
den anderen nicht aus seinem Erleben herauszuholen, bevor er überhaupt darin angekommen sein durfte.
Wo tröstest du vielleicht, um dich selbst zu beruhigen – und wo wäre es stimmiger, noch einen Moment zu bleiben?
Und ich freue mich, falls du Lust hast und dir Zeit nimmst, deine Antwort mit mir zu teilen.
Herzlichen Gruß zu dir, Sabine Dieterle
Am Samstag, den 09. Mai 2026, geht es in der nächsten See-Zeit um das Thema
„Die vier Ohren der GFK – wie meine innere Haltung nach außen wirkt“.
Wir nehmen in den Blick, wie sehr unsere innere Haltung das prägt, was beim Gegenüber ankommt – im Zuhören, im Reagieren und im Miteinander.
Wenn du tiefer einsteigen möchtest, findest du unten auch weitere Informationen zur See-Zeit, zum Tag am See, zum Basis-Seminar „Eintauchen in die Gewaltfreie Kommunikation“ und zum Jahrestraining KLARSEE.


