Stolz – im Kontakt mit der eigenen Wirksamkeit

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Podcast – für alle, die lieber hören als lesen

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Podcast – für alle, die lieber hören als lesen :

Blogtext: Lesezeit: ca. 7 min

Stolz – im Kontakt mit der eigenen Wirksamkeit

Neulich saß mir eine Frau im Coaching gegenüber.
Sie erzählte von einer Situation, die sie vor einem Jahr noch völlig aus der Bahn geworfen hätte. Damals hätte sie geschwiegen, sich angepasst, innerlich gehadert. Dieses Mal war etwas anders: Sie hatte sich Zeit genommen, in sich hineingespürt, ihre Grenze wahrgenommen und sie ruhig ausgesprochen. Klar. Freundlich. Ohne Härte. Ohne Rechtfertigung.

Als ich sie fragte, wie es für sie ist, das heute so zu sehen – sich selbst mit dem, was sie sich möglich gemacht hat –, wurde sie still.
Ein kurzes Lächeln huschte über ihr Gesicht und verschwand gleich wieder.

„Ja“, sagte sie, „schon gut.“
Dann kam schnell das Aber:
„Andere können das doch längst.“
„War ja nichts Besonderes.“
„Ich will jetzt auch nicht stolz auf mich sein.“

Diese Szene kenne ich in vielen Variationen.
In meiner Tätigkeit als Coach und Supervisorin erlebe ich immer wieder, wie schwer es Menschen fällt, sich mit dem Gefühl zu verbinden, stolz auf sich zu sein.

Da ist oft ein rasches Abwinken.
Ein Relativieren.
Ein Rückzug.
Ein inneres oder auch äußeres Nivellieren dessen, was eigentlich Anerkennung verdient hätte.

Fast so, als wäre Stolz ein gefährliches Gefühl.
Als müsste man aufpassen, nicht zu groß zu werden, nicht zu viel Raum einzunehmen, nicht unangenehm aufzufallen.

Vielleicht haben viele von uns früh gelernt, dass Bescheidenheit sicherer ist.
Dass es riskant sein könnte, sich sichtbar über sich selbst zu freuen.
Dass Selbstanerkennung schnell mit Überheblichkeit verwechselt wird.

Und tatsächlich: Mit der Qualität von Stolz tun sich viele in meinem Erleben schwer. Vielleicht auch, weil wir dabei oft eher an Hochmut denken als an etwas zutiefst Menschliches und Nährendes.

Durch meine GFK-Trainerinnenkollegin Ulrike Kahmann habe ich eine Betrachtung kennengelernt, die ich sehr schätzen gelernt habe:

Stolz ist die Freude an Wachstum und Entwicklung.
Dieser Satz hat in mir viel geklärt.

Denn so verstanden trägt Stolz weder Distanz noch Überheblichkeit in sich, sondern Lebendigkeit, Wärme und Bewusstheit.
Er sagt nicht: Ich bin besser als andere.
Sondern:

Ich sehe, was ich gelernt habe.
Ich würdige, was ich bewältigt habe.
Ich nehme ernst, was durch mich möglich geworden ist.

Gibt es ein Zuviel an Stolz?
Vielleicht ja – aber nicht dort, wo ich mein Wachstum würdige oder mich über das freue, was mir gelungen ist.
Ein Zuviel beginnt für mich eher da, wo Stolz nichts mehr mit Selbstverbindung zu tun hat, sondern mit Abgrenzung.
Wenn aus Selbstanerkennung Selbstüberhöhung wird.
Wenn nicht mehr spürbar ist: Ich bin wirksam, sondern: Ich bin mehr als du.
Und vielleicht zeigt sich darin oft weniger innere Fülle als vielmehr ein Versuch, Unsicherheit, ein fragiles Selbstwertgefühl und Bedürfnisse, wie gesehen und gehört zu werden, zu überdecken.

Für mich zeigt sich gesunder Stolz im bewussten Würdigen dessen, was ich gelernt, bewältigt und möglich gemacht habe – nicht auf dem Podest, sondern im Alltag – auch und gerade in kleinen, scheinbar unscheinbaren Schritten.

Dann wird Stolz zu einer Form von Selbstverbindung.
Denn wenn ich meine Entwicklung nicht würdige und das Gelungene immer wieder kleinrede, fehlt mir ein wichtiger innerer Boden.

Stolz im gesunden Sinn nährt diesen Boden.
Er erinnert mich daran, dass Entwicklung nicht einfach zufällig geschieht. Dass ich Anteil habe. Dass mein Tun Wirkung hat. Dass Wachstum gesehen werden darf – auch von mir selbst.

Vielleicht ist das einer der Gründe, warum mir Stolz so wichtig ist – und so wichtig geworden ist:
Wer nie stolz auf sich sein darf, wer sich dieses Gefühl selbst nicht zugesteht, bleibt innerlich oft hungrig. Hungrig nach Anerkennung im Außen. Nach Bestätigung durch andere oder durch Erfolge. Nach dem Wunsch, gesehen zu werden, ohne sich selbst wirklich zu sehen.

Gesunder Stolz kann hier etwas sehr Wesentliches schenken: eine innere Würdigung, die nicht erst von außen kommen muss.

Und zugleich begegnet mir an dieser Stelle auch Scham.
Nicht laut. Eher leise.
Fast so wie ein alter Reflex.

Sobald etwas gelingt, sobald spürbar wird: „Da habe ich etwas bewirkt.“, „Da ist etwas durch mich möglich geworden.“, „Das war besonders.“, meldet sich nicht selten eine Gegenstimme:
„Sei nicht zu viel.“, „Nimm dich nicht so wichtig.“, „Das war doch nichts Besonderes.“

Oft zeigt sich das auch darin, wie schwer es fällt, Anerkennung von außen anzunehmen.
Wertschätzung wird abgewehrt, heruntergespielt oder sofort zurückgegeben – manchmal aus Scham, manchmal auch aus einem kaum bewussten Schuldgefühl heraus.
„Das darf ich nicht.“
„Ist doch keine große Sache.“
„Das ist mein Job.“
„Das war doch selbstverständlich.“

So finden weder der eigene Stolz noch die Anerkennung der anderen wirklich einen Platz.

Vielleicht liegt genau darin die Herausforderung: dem Gelungenen nicht gleich wieder auszuweichen.
Nicht sofort abzuwinken.
Sich nicht vorschnell kleiner zu machen.

Dafür braucht es Mut.
Den Mut, einen Moment länger bei sich zu bleiben.
Nicht gleich zu relativieren.
Nicht in Rückzug zu gehen.
Sondern still zu fragen:

Worauf bin ich eigentlich stolz?
Was habe ich möglich gemacht?
Was war besonders daran?
Wo bin ich heute anders unterwegs als noch vor einem Jahr?

Gerade in der Gewaltfreien Kommunikation, in der es so sehr um Bewusstheit, Verbindung und Lebendigkeit geht, erscheint mir diese Form von Stolz beinahe unverzichtbar.
Nicht als Pose.
Nicht als Etikett.
Nicht als „Schau her“.

Sondern als leises inneres Wissen:

Ja. Das habe ich gelernt.
Ja. Das habe ich möglich gemacht.
Ja. Da ist etwas durch mich gelungen.

Und vielleicht beginnt Stolz viel kleiner und alltäglicher, als wir denken.

Wenn ich in einem schwierigen Gespräch bei mir geblieben bin.
Wenn ich Nein gesagt habe, obwohl es mir schwerfiel.
Wenn ich mich entschuldigt habe.
Wenn ich mich gezeigt habe, obwohl ich unsicher war.
Wenn ich mir Unterstützung geholt habe.
Wenn ich etwas beendet habe, das nicht mehr stimmig war.
Wenn ich drangeblieben bin.
Wenn ich zugehört habe.
Wenn ich mich ausgeruht habe, statt mich weiter zu überfordern.
Wenn ich heute ein kleines bisschen freier, klarer oder liebevoller bin als gestern.

Ich glaube, diese Art von Stolz macht uns bewusster. Verbundener mit uns selbst.
Und sie kann etwas Nährendes in uns berühren.

Wenn wir uns erlauben, Stolz zu empfinden, darf oft auch unser Körper mit aufatmen.
Etwas in uns wird ruhiger.
Anspannung lässt nach.
Wir kommen aus dem inneren Alarm ein Stück mehr in Kontakt mit uns selbst.
Wir halten inne, spüren den eigenen Körper wieder und merken vielleicht: Da ist nicht nur Erschöpfung – da ist auch Kraft.

Vielleicht schenkt uns gesunder Stolz genau deshalb auch neue Energie:
weil er uns nicht antreibt, sondern aufrichtet.
Weil er uns nicht aufbläht, sondern sammelt.
Weil er uns erinnert: Ich bin nicht nur unterwegs – ich wirke. Ich wachse. Ich gestalte mit.

Und so mag ich dich heute einladen, einen kleinen Moment innezuhalten und dich zu fragen:

„Worauf bin ich stolz – vielleicht leise, vielleicht zart, vielleicht schon lange ungefeiert?“

Und ich freue mich, falls du Lust hast und dir Zeit nimmst, deine Antwort mit mir zu teilen.

Herzlichen Gruß zu dir, Sabine Dieterle

In der nächsten GFK-Übungsgruppe See-Zeit am kommenden Samstag, den 21.03.2026 schaffen wir Raum, innezuhalten, nach innen zu hören und die eigene Entwicklung bewusster wahrzunehmen. So kann auch gesunder Stolz wachsen: als Würdigung dessen, was gelungen ist und was durch dich möglich geworden ist.

Und wenn du dir dafür mehr Raum wünschst, gibt es auch weitere See-Zeit-Termine und Formate wie den: Tag am See – der GFK Übungstag, Eintauchen in die Gewaltfreie Kommunikation – unser Basis-Seminar – und das Jahrestraining KLARSEE. Denn auch Selbstanerkennung darf wachsen – Schritt für Schritt, in deinem Tempo.