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Mich zeigen heißt Verbindung wagen
Heute geht es um ein Thema, an dem ich selbst sehr gewachsen bin – und an dem ich immer noch wachse: Aufrichtigkeit.
Mich so zu zeigen, dass mein Gegenüber erfahren kann, was in mir lebendig ist. Das kann Verbindung ermöglichen – und gleichzeitig wissen wir nie genau, was es zwischen uns auslöst. Genau darin liegt für mich die Spannung: Wir wünschen uns Zugehörigkeit, Verständnis und Harmonie – und wollen zugleich klar und echt sein.
Manches drängt uns es auszusprechen. Anderes halten wir lieber zurück, weil wir uns damit nicht oder noch nicht zeigen möchten.
Aufrichtigkeit bewegt sich deshalb für mich immer auch zwischen Sichtbarkeit und Schutz.
In der Haltung der Gewaltfreien Kommunikation gibt es drei Verbindungsoptionen.
Die erste geht zu mir selbst:
Was ist gerade in mir los? Wie fühle ich mich? Was ist mir wichtig?
Das ist Selbstempathie – das ICH nach innen.
Die zweite geht zu meinem Gegenüber:
Was ist bei dir los? Was bewegt dich? Was ist dir wichtig?
Das ist Empathie – das DU verstehen.
Und die dritte führt wieder von mir nach außen:
Was von dem, was in mir lebendig ist, möchte ich dir zeigen?
Das ist Aufrichtigkeit – das ICH nach außen.

Grafikgestaltung: Sabine Neff | Idee: Sabine Dieterle | Klarseen mit Gewaltfreier Kommunikation
In der Grafik stehen die drei Säulen nicht einfach nebeneinander. Eine Linie verbindet sie und ich kann immer wieder schauen wo will ich starten, zum Beispiel:
Ich gehe zu mir. Ich versuche, dich zu verstehen. Ich zeige mich. Ich höre wieder.
So entsteht Bewegung zwischen ICH und DU – und daraus kann ein WIR entstehen.
Für Selbstempathie und Empathie gab es in den letzten Seefunk-Folgen bereits Raum. Heute schauen wir besonders auf die dritte Säule: Aufrichtigkeit – das ICH nach außen.
Mich zu zeigen kann sehr Unterschiedliches bedeuten:
Ich kann eine Grenze sichtbar machen. Widersprechen. Sagen, dass mir etwas nicht passt.
Ich kann aber auch Unsicherheit zeigen, um Unterstützung bitten, erzählen, dass ich mich einsam fühle, etwas teilen, auf das ich stolz bin, oder zugeben, dass ich etwas nicht verstanden habe.
Aufrichtigkeit beginnt also nicht erst im Konflikt.
Sie kann auch heißen, etwas von mir sichtbar zu machen, das mein Gegenüber sonst gar nicht wissen könnte.
Und genau darin zeigt sich für mich etwas Wesentliches an der Gewaltfreien Kommunikation: Sie ist nicht nur eine Methode für Konflikte oder ein Weg, aus schwierigen Situationen wieder herauszukommen. Sie ist eine Haltung, die Verbindung ermöglichen und gestalten will.
Eine Haltung, in der ich mich selbst wahrnehme, mein Gegenüber im Blick behalte und mich so zeigen kann, wie es für mich und für unser Miteinander stimmig ist.
So wird GFK zu einer Art, Beziehung zu leben – nicht nur dann, wenn es schwierig wird, sondern auch dort, wo Nähe, Echtheit und gegenseitiges Verstehen wachsen können.
Und genau hier finde ich das Eisbergmodell nach Paul Watzlawick hilfreich.
Was mein Gegenüber von mir sieht, ist oft nur ein Ausschnitt. Vieles von dem, was mein Verhalten prägt, liegt unter der Oberfläche.
Da sind meine Gefühle und Bedürfnisse.
Ich bin z.B. unsicher, erleichtert, traurig, angespannt, neugierig oder stolz.
Und dahinter stehen Bedürfnisse wie Zugehörigkeit, Sicherheit, Unterstützung, Anerkennung, Orientierung, Mitgestaltung oder Selbstbestimmung.
Da sind Erfahrungen aus meiner Geschichte – auch belastende oder traumatische Erfahrungen. Kulturelle und gesellschaftliche Prägungen. Erfahrungen von Zugehörigkeit und Nicht-Zugehörigkeit, von Diskriminierung, Rassismus oder Antisemitismus.
Auch unsere soziale Herkunft und die Erfahrungen damit, welchen Platz wir in Gruppen oder in der Gesellschaft einnehmen, können dabei eine Rolle spielen.
Und da sind Vorstellungen über Bildung, Status, Familie oder darüber, wie ich eigentlich sein sollte.
Passe ich hier dazu?
Darf ich das sagen?
Werde ich dem gerecht?
Solche Gedanken beeinflussen, wie viel Raum ich mir nehme und was ich von mir sichtbar mache.
Nach außen kann ich souverän wirken, Verantwortung übernehmen und funktionieren – und gleichzeitig Angst haben, mich überfordert fühlen oder Unterstützung brauchen.
Nach außen Souveränität – im Inneren etwas ganz anderes.
Und manchmal ist durchaus etwas in mir da, was eigentlich nach außen will, aber ich halte es zurück. Ein Gedanke scheint noch nicht gut genug. Eine Frage müsste ich eigentlich selbst beantworten können. Eine Idee ist noch nicht ausgereift.
Ich möchte nichts Falsches sagen.
Ich will mich nicht aufdrängen.
Von außen kann das wie Zurückhaltung oder auch Distanz wirken. Innen ist längst etwas lebendig.
Auch unsere Erfahrungen miteinander spielen eine Rolle:
Welche Erfahrungen habe ich damit gemacht, zu widersprechen, Grenzen zu zeigen oder Unsicherheit sichtbar zu machen – und was habe ich daraus für mich abgeleitet?
Gerade frühe Beziehungen können hier prägend sein. Und heute kann ich schauen: Was davon wirkt noch in mir – und wie beeinflusst es, was ich von mir zeige?
Und manchmal ist das, was in mir lebendig ist, selbst gar nicht eindeutig.
In uns sind unterschiedliche innere Anteile aktiv – und mit ihnen können auch unterschiedliche Bedürfnisse verbunden sein.
Ein Teil von mir wünscht sich Nähe und Zugehörigkeit. Ein anderer braucht gerade Abstand oder Schutz.
Ein Teil möchte Ja sagen, weil ihm Gemeinschaft wichtig ist. Ein anderer möchte Nein sagen, weil er Ruhe, Selbstbestimmung oder eine Grenze braucht.
Das muss kein Widerspruch sein, den ich sofort auflösen muss. Es macht vielmehr sichtbar, dass in mir mehrere Bedürfnisse gleichzeitig lebendig sein können.
Aufrichtigkeit kann dann auch heißen: „Da sind gerade unterschiedliche Seiten in mir.“
Oder: „Ein Teil von mir möchte gerne zusagen – und gleichzeitig merke ich, dass ein anderer Teil gerade sehr auf meine Kräfte achtet.“
Ich brauche also keine fertige, eindeutige Position, um mich zu zeigen. Auch meine Ambivalenz darf sichtbar werden.
Aufrichtigkeit heißt auch nicht, dass ich alles von mir offenlegen muss. Sie heißt für mich Wahlfreiheit:
Wie viel ich von mir in welcher Beziehung zeigen möchte und was zu diesem Menschen, zu diesem Moment und zu unserem Miteinander passt.
Die vier Elemente der Gewaltfreien Kommunikation können mir dabei Orientierung geben:
Was ist konkret passiert?
Wie fühle ich mich damit?
Was ist mir wichtig?
Und welche Bitte oder welche Handlungsmöglichkeit entsteht daraus?
Diese Fragen helfen mir zunächst, selbst klarer zu werden.
Denn ein Einwand gegen die Gewaltfreie Kommunikation lautet manchmal:
„So spricht doch kein Mensch.“
Und den kann ich gut verstehen.
Wenn ich Beobachtung, Gefühl, Bedürfnis und Bitte hörbar der Reihe nach abarbeite, kann Sprache schnell künstlich klingen.
Für mich liegt die Stärke der vier Elemente deshalb nicht darin, alles in einen Satz zu packen. Sondern darin, zu verstehen, was in mir eigentlich los ist – und dann zu wählen, was davon gerade hilfreich ist und was ich aufrichtig teilen möchte.
Nehmen wir ein Beispiel.
Ich sehe im Arbeitsalltag eine Beschlussvorlage zum ersten Mal und sage:
„Ich sehe die Vorlage heute zum ersten Mal und bin ehrlich gesagt ziemlich überrascht.“
Und dann erst einmal nichts weiter.
Mein Gegenüber fragt: „Was überrascht dich daran?“
Ich könnte sagen: „Dass ich sie erst jetzt sehe.“
Und wieder Raum lassen.
Im nächsten Schritt:
„Mir ist wichtig, bei solchen Änderungen früher einbezogen zu sein und noch mitdenken zu können.“
Und dann: „Wie siehst du das?“
Eine konkrete Bitte kann später folgen: „Könntest du mir solche Vorlagen künftig spätestens drei Werktage vorher schicken?“
Ein Gespräch muss nicht immer so kleinschrittig verlaufen. Aber gerade bei Spannung ist es oft hilfreich, nicht alles auf einmal in den Kontakt zu geben.
Denn Aufrichtigkeit lässt sich leichter hören, wenn die Dosis passt.
Ich zeige etwas von mir. Ich höre dich. Ich zeige wieder etwas mehr. Und auch du wirst sichtbar.
So entsteht ein Gespräch – nicht nur aufrichtiger Monolog.
Und noch ein anderer Moment:
Ich stehe beispielsweise auf einem Spielplatz, höre einer Gruppe zu und denke:
Das klingt interessant – aber die kennen sich doch alle schon.
Dann kann Aufrichtigkeit ein einziger Satz sein:
„Eure Unterhaltung klingt gerade richtig interessant – darf ich mich dazustellen?“
Etwas, das bisher nur in mir war, kommt in Beziehung.
Schwieriger wird es, wenn bereits etwas zwischen uns steht.
Mich stört etwas, das eine Kollegin gesagt hat. Ich spreche danach mit anderen darüber:
„Ganz ehrlich – das war doch wieder typisch.“
Das kann kurzfristig entlasten. Aber ich spreche über jemanden, statt mit ihm oder ihr in Kontakt zu gehen. Hier fehlt die Aufrichtigkeit.
Und damit stellt sich die Frage: Wie kann ich klar sein, ohne hart zu werden?
Gerade bei Grenzen ist das oft gar nicht so einfach. Manche werden deutlicher oder härter, weil sie Sorge haben, sonst nicht gehört zu werden.
Andere machen ihre Grenze kleiner – oder verpacken sie in Humor:
„Na, ihr könnt mich ja ruhig wieder als Letzte informieren …“
Wir sagen so etwas vielleicht mit einem Augenzwinkern. Humor kann entlasten – aber er kann auch etwas maskieren. Dann wirkt meine Grenze leichter, als sie sich für mich eigentlich anfühlt. Und mein Gegenüber erkennt womöglich gar nicht, wie wichtig mir das Thema wirklich ist.
Humor kann mich schützen – und gleichzeitig meine Grenze weniger sichtbar machen.
Aufrichtigkeit heißt für mich deshalb:
klar sein, ohne hart zu werden – und ohne mich zu verstecken.
Das ist mir wichtig.
Das passt für mich nicht.
Hier wünsche ich mir etwas anderes.
Und das braucht Übung.
William Somerset Maugham wird der Satz zugeschrieben: „Aufrichtigkeit ist die verwegenste Form von Tapferkeit.“
Ich mag diesen Gedanken.
Denn ich kann mich zeigen – aber ich kann nicht kontrollieren, wie mein Gegenüber reagiert. Und um das zu wagen brauche ich schon etwas Mut & Tapferkeit.
Deshalb finde ich Übungsfelder so wertvoll: in GFK-Gruppen, in Freundschaften, Familie oder Partnerschaft.
Ich kann früher sagen, dass eine Grenze erreicht ist. Etwas von mir zeigen, was ich sonst zurückhalte. Und mir Rückmeldung holen:
Wie kam das bei dir an?
War für dich klar, was mir wichtig war?
Was hat dafür gesorgt, dass du in Kontakt bleibst, trotz meiner Rückmeldung?
So entwickelt sich auch ein Gespür dafür, wann ein kleiner Schritt reicht und wann mehr hilfreich ist.
Aufrichtigkeit bedeutet auch, mit meiner Haltung sichtbar zu werden.
Wenn jemand abgewertet wird, kann sie heißen: „Damit bin ich nicht einverstanden.“
Oder: „Diese Aussage möchte ich so nicht stehen lassen.“
Und dann gibt es noch eine andere Form von Sichtbarkeit.
Was ist, wenn ich etwas an mir oder in meiner Geschichte lieber verbergen möchte?
Hier kommt Scham ins Spiel. Scham kann entstehen, weil ich etwas getan habe, das nicht zu meinen Werten passt:
Ich habe versäumt etwas zu tun.
Ich habe über jemanden gesprochen statt mit ihm.
Ich habe nicht für etwas eingestanden, das mir wichtig ist.
Aber Scham kann auch dort auftauchen, wo es gar nicht um Fehlverhalten geht. Scham kann dann Verhaltensweisen betreffen, die ich an mir nicht mag. Eine Erkrankung oder körperliche Besonderheit. Seelische Wunden, etwa nach belastenden oder traumatischen Erfahrungen. Oder Facetten meiner Herkunft, meiner Familie oder meines sozialen Hintergrunds. Es kann sein, dass es mir selbst gerade nicht zur Verfügung steht, mich mit einer Seite meiner Person oder Geschichte ganz anzunehmen.
Und auch das wirkt im Miteinander.
Es beeinflusst, was ich zeige, was ich verberge, wie nah ich andere an mich heranlasse.
Hier brauche ich wieder das ICH nach innen.
Kann ich unterscheiden: Gibt es etwas, für das ich Verantwortung übernehmen möchte? Oder geht es darum, einer Seite von mir behutsamer zu begegnen?
Mir gefällt dabei die Betrachtung von Scham als Schamkraft, wie Vivian Dittmar sie beschreibt.
Scham kann mich kleinmachen und gegen mich selbst richten. Sie kann aber auch Selbstreflexion ermöglichen.
Wo es etwas zu verantworten gibt, kann Aufrichtigkeit heißen:
„Das war mein Anteil.“
„Das war nicht in Ordnung.“
„Es tut mir leid.“
Und wo es um Annahme geht, kann die innere Bewegung anders klingen:
„Das gehört auch zu mir.“
„Ich merke, wie schwer es mir fällt, mich damit anzunehmen.“
„Ich möchte lernen, behutsamer mit mir zu sein.“
Wenn ich mir selbst damit etwas mehr begegnen kann, entsteht auch mehr Wahlfreiheit. Aufrichtigkeit heißt nicht, etwas offenlegen zu müssen. Sondern selbst entscheiden zu können, ob, wann und wie viel ich davon in Beziehung bringe.
Und damit sind wir bei einem wichtigen Unterschied zwischen Harmonie und Verbindung.
Harmonie bedeutet, dass es zwischen uns ruhig, stimmig oder konfliktarm ist. Das kann sehr wohltuend sein. Verbindung geht für mich noch einen Schritt weiter: Sie entsteht dort, wo etwas Echtes zwischen uns Raum bekommt – auch dann, wenn das kurzfristig Spannung mit sich bringt. Manchmal bewahren wir Harmonie, indem wir etwas nicht sagen. Verbindung kann dagegen bedeuten, etwas sichtbar zu machen, gerade weil es für die Beziehung wichtig ist.
Und genau darum geht es für mich bei Aufrichtigkeit: etwas von mir in den Kontakt zu bringen, das sonst vielleicht verborgen bliebe. Für mich heißt Aufrichtigkeit deshalb auch: echt sein. Mich so zu zeigen, wie ich es möchte und verantworten kann.
Und damit komme ich noch einmal zum Bild des Eisbergs zurück.
Vieles von uns bleibt unter der Wasseroberfläche. Aufrichtigkeit heißt nicht, alles sichtbar zu machen. Sondern bewusst zu wählen, was ich davon über die Wasseroberfläche bringen möchte.
Das braucht manchmal Mut. Denn ich weiß nicht, wie mein Gegenüber darauf reagieren wird oder was zwischen uns daraus entsteht.
Aber genau darin liegt für mich das Wagnis:
etwas Echtes von mir sichtbar werden zu lassen – und damit Verbindung möglich zu machen.
Mich zeigen heißt, Verbindung zu wagen.
Herzliche Grüße Deine Sabine Dieterle
Und wenn du das, was dich im Seefunk berührt, gemeinsam mit anderen weiter erkunden und im Alltag verankern möchtest, gibt es dafür verschiedene Erfahrungsräume:
Vom 25. bis 27. September 2026 findet in Tübingen wieder mein Basisseminar „Eintauchen in die Gewaltfreie Kommunikation“ statt:
https://klarseen.de/eintauchen-in-die-gewaltfreie-kommunikation/
Die nächste See-Zeit ist am 10. Oktober 2026. Auch die weiteren Termine für 2026 und die neuen Termine für 2027 findest du bereits online:
https://klarseen.de/gfk-uebungsgruppe-praesenz-online/
Am 28. und 29. November 2026 geht es im Seminar „Zwischen Grenzen und Gekicher – Humor und Empathie im Familienleben“, gemeinsam mit meinem Kollegen Fabian D. Schwarz darum, wie Klarheit, Leichtigkeit und Verbindung im Familienalltag zusammenfinden können:
https://klarseen.de/zwischen-grenzen-und-gekicher-humor-und-empathie-im-familienleben/
Für alle, die sich einen längeren gemeinsamen Übungstag wünschen, gibt es 2027 außerdem wieder zwei Tage am See – GFK vertiefen:
https://klarseen.de/vertiefung-gewaltfreie-kommunikation-tag-am-see/
Ob in einem Seminar, in der Übungsgruppe oder an einem Tag am See: Ich freue mich auf Räume, in denen wir langsamer werden, genauer wahrnehmen und Verbindung, Klarheit und Lebendigkeit entstehen lassen können.
Keinen Seefunk mehr verpassen…


