Über Kommunikationssperren – und darüber, wie wir einander im Gespräch manchmal verlieren und wiederfinden können
Blogtext: Lesezeit: ca. 15 min
Klaus Karstädt, einer der GFK-Trainer, die die Gewaltfreie Kommunikation in Deutschland sehr geprägt haben, hat in seinen Seminaren gerne mit einer kleinen Alltagsszene gearbeitet. Eine Familie möchte los zum 70. Geburtstag der Oma. Eigentlich sind alle startklar. Dann kommt das Kind aus seinem Zimmer – in Kleidung, bei der die Eltern spontan denken: So? Zum Geburtstag von Oma?
Und dann geht es los: „So kannst du doch nicht mitkommen.“ – „Zieh dir bitte noch etwas Vernünftiges an.“ – „Wir haben jetzt wirklich keine Zeit für diese Diskussion.“ – „Warum musst du ausgerechnet heute so etwas anziehen?“ – „Du weißt doch, wie wichtig Oma dieser Geburtstag ist.“
Wir spielen diese Szene auch gerne im GFK-Basisseminar. Und bevor wir lange überlegen, wie eine empathische Reaktion aussehen könnte, sammeln wir erst einmal: Was würde dir spontan herausrutschen? Was kommt direkt aus dem Bauch?
Da kommt in aller Regel einiges zusammen: erklären, überzeugen, mahnen, fragen, bewerten, beruhigen, einen Rat geben, eine Lösung anbieten. Und ziemlich schnell haben wir eine ganze Sammlung von dem vor uns, was Thomas Gordon Kommunikationssperren genannt hat.
Thomas Gordon war ein amerikanischer Psychologe, der sich intensiv damit beschäftigt hat, was in Gesprächen geschieht, wenn Menschen mit starken Gefühlen, Konflikten oder Belastungen umgehen. Bekannt wurde er unter anderem durch seine Arbeit mit Familien und sein Buch „Familienkonferenz“. Er beschrieb eine Reihe typischer Reaktionsweisen, die ein Gespräch ins Stocken bringen können – nicht, weil sie grundsätzlich ungünstig wären, sondern weil sie den Raum für das Erleben und die eigene Klärung des Gegenübers enger machen können.
Dazu gehören sehr deutlich lenkende Reaktionen wie Befehlen, Mahnen, Warnen, Drohen, Moralisieren oder Kritisieren. Gordon zählt aber auch Reaktionen dazu, die auf den ersten Blick sehr unterstützend wirken können: Ratschläge geben, Lösungen anbieten, mit Logik überzeugen, loben, beruhigen, trösten, nachfragen oder ablenken.
Ich finde genau das an seinem Modell spannend: Eine Kommunikationssperre erkennt man nicht allein am Satz. Entscheidend ist, was im jeweiligen Moment zwischen uns geschieht.
Ich mag diese Übung deshalb, weil sie sichtbar macht, wie vertraut uns viele dieser Reaktionen sind. Wir kennen sie aus unseren Familien, aus der Schule, aus dem Beruf, aus Beziehungen. Manche Sätze begleiten uns schon sehr lange, manchmal über Generationen hinweg. Und wenn sie uns so selbstverständlich über die Lippen kommen, lohnt es sich, genauer hinzuschauen: Was geschieht eigentlich im Kontakt, wenn wir so miteinander sprechen? Was öffnet ein Gespräch – und was lässt es eher stocken?
Auch ein zugewandter Impuls kann den Gesprächsfluss verändern. Mein Gegenüber erzählt nicht weiter, beginnt sich zu erklären oder zu rechtfertigen, zieht sich zurück – oder beschäftigt sich nun mit meinem Rat, meiner Frage oder meiner Sichtweise statt mit dem, was gerade in der anderen Person lebendig war.
Ein Rat kann ausgesprochen hilfreich sein. Eine sachliche Einordnung kann Orientierung geben. Trost kann mich tief erreichen. Eine Frage kann echtes Interesse ausdrücken. Manchmal wünsche ich mir genau das. Und manchmal brauche ich etwas anderes: erzählen, gehört werden, ein Gefühl erst einmal da sein lassen und mit mir selbst in Verbindung kommen.
Gut gemeint ist also noch nicht automatisch verbunden. Denn zwischen meiner Absicht und dem, was beim anderen ankommt, geschieht einiges. Der Rat ist oft schon im Kopf, die Erklärung liegt auf der Zunge, der tröstende Satz kommt fast von selbst.
Warum stehen uns gerade solche Reaktionen in angespannten Momenten so schnell zur Verfügung?
Warum uns gerade diese Reaktionen so schnell zur Verfügung stehen
An dieser Stelle hilft mir ein Blick auf unser Gehirn und unser Nervensystem. Wenn wir uns sicher fühlen und genügend innere Ressourcen haben, ist unser Spielraum größer. Wir können zuhören, innehalten, mehrere Perspektiven nebeneinanderstehen lassen und Unsicherheit etwas länger aushalten.
Unter Zeitdruck, in Sorge, Ärger, Überforderung oder Erschöpfung greifen wir dagegen leichter auf Reaktionsweisen zurück, die uns vertraut sind und schnell zur Verfügung stehen.
Ich stelle mir das gerne wie Wege in einer Landschaft vor. Manche Reaktionsweisen liegen auf einem breiten Wanderpfad. Den kennen wir gut, unser System findet ihn schnell – besonders wenn es eng wird. Andere Wege sind noch schmal. Wir haben sie kennengelernt oder schon ausprobiert, aber unter Stress sind sie noch nicht so leicht zugänglich.
Und auf diesen breiten Wegen liegen nicht nur Drohen, Mahnen oder Kritisieren. Dort liegen oft auch Ratschläge, Erklärungen, eigene Geschichten oder Trösten.
Jemand erzählt mir, wie überfordert er gerade ist – und in meinem Kopf entsteht sofort eine Lösung. Oder ich erzähle, was mir in einer ähnlichen Situation geholfen hat. Ich komme wieder ins Tun, finde Orientierung, werde handlungsfähig.
Denn Gefühle gemeinsam auszuhalten, sie nicht gleich zu verändern und im Kontakt dabeizubleiben, ist für viele von uns nicht besonders vertraut – und oft auch nicht angenehm. Wut kann mich anspannen, Angst meine eigene Unsicherheit berühren, Trauer Hilflosigkeit auslösen. Dann tauchen schnell Sätze auf wie: „Das wird schon wieder.“ Oder: „Du bist so stark, du schaffst das schon.“
Vieles davon geschieht unbewusst. Es ist eher Autopilot. Unser System greift auf das zurück, was gut gebahnt ist – und wie viel Spielraum wir haben, hängt auch von unseren Ressourcen ab. Mit Zeit und innerer Ruhe kann ich anders zuhören als erschöpft, fünf Minuten vor dem nächsten Termin oder wenn mein eigenes Nervensystem ohnehin schon stark gefordert ist.
Auch unsere Geburtstagsszene bekommt dadurch noch einmal eine andere Farbe. Da ist Zeitdruck. Sorge, zu spät zu kommen. Der Wunsch nach einem schönen Fest. Der Gedanke: Was wird die Verwandtschaft sagen? Auch Scham oder die Sorge, selbst bewertet zu werden, kann darin mitschwingen. Das schnelle „Zieh dir bitte etwas anderes an“ kann dann ein sehr vertrauter Versuch sein, die eigene innere Unruhe und die Situation insgesamt wieder überschaubarer zu machen.
Kommunikationssperren haben oft gute Gründe. Sie können unserem System helfen, schnell wieder Sicherheit, Orientierung oder Handlungsfähigkeit herzustellen. Und zugleich kann dadurch etwas vom Kontakt verloren gehen – zu dem, was in mir gerade wirklich geschieht, und zu dem, was mein Gegenüber gerade erlebt.
Gordon und GFK – eine gemeinsame Wurzel
Dass Gordons Kommunikationssperren so gut zur Gewaltfreien Kommunikation passen, hat mit einer gemeinsamen Wurzel zu tun. Beide stehen in der Tradition der humanistischen und personzentrierten Psychologie rund um Carl Rogers.
Und darin steckt für mich ein sehr kraftvoller Gedanke: Ich muss dein Erleben nicht sofort verändern, damit etwas Gutes passieren kann. Ich muss dir nicht gleich sagen, wie du die Sache sehen solltest, was jetzt vernünftig wäre oder wie du dich wieder besser fühlen könntest. Ich kann dir erst einmal zutrauen, dass in dir selbst etwas in Bewegung kommen kann, wenn du Raum bekommst, wahrzunehmen, zu fühlen und zu sortieren.
Genau an dieser Stelle werden Gordons Kommunikationssperren interessant. Denn sobald ich erkläre, beruhige, bewerte, nachfrage oder eine Lösung anbiete, bringe ich etwas Eigenes in deinen Prozess hinein. Das kann hilfreich sein. Es kann aber auch dazu führen, dass du dich plötzlich mit meiner Idee, meiner Sichtweise oder meiner Frage beschäftigst – und der Kontakt zu dem, was in dir gerade lebendig war, ein Stück verloren geht.
Und die Gewaltfreie Kommunikation stellt für mich noch eine zweite Frage daneben: Was passiert eigentlich in mir, während ich dir zuhöre?
Denn oft beginnt das Lenken nicht erst bei dir, sondern schon in mir. Deine Ratlosigkeit macht mich unruhig. Deine Traurigkeit berührt meine Hilflosigkeit. Deine Wut löst Anspannung aus. Und ehe ich es merke, versuche ich nicht nur, dir zu helfen – ich versuche auch, in mir selbst wieder etwas mehr Sicherheit, Klarheit oder Boden unter den Füßen zu bekommen.
Das verändert für mich den Blick auf Kommunikationssperren. Dann geht es nicht mehr nur um bestimmte Sätze. Es geht um die Bewegung dahinter: Bin ich gerade noch neugierig auf deine Welt? Kann ich einen Moment bei dem bleiben, was du mir zeigst? Oder bin ich schon dabei, etwas zu verändern – bei dir oder in mir?
Und genau dafür mag ich ein Bild, das im Umfeld der Gewaltfreien Kommunikation sehr bekannt geworden ist.
Worte sind Fenster oder Mauern
„Worte sind Fenster oder Mauern“ stammt von Ruth Bebermeyer. Marshall Rosenberg hat ihren Text immer wieder aufgegriffen und auch gesungen.
Ich mag dieses Bild, weil es den Blick darauf lenkt, was unsere Worte zwischen uns entstehen lassen: Wird da ein Fenster, durch das wir uns begegnen können? Oder entsteht eine Mauer, die den Kontakt gerade schwieriger macht?
Durch ein Fenster kann ich mehr von dir sehen. Ich bekomme eine Ahnung davon, was dich bewegt, was hinter deinen Worten liegt und was dir gerade wichtig ist. Eine Mauer macht diesen Blick schwieriger. Plötzlich geht es weniger um das, was du mir zeigen wolltest, sondern um meine Bewertung, meine Erklärung oder meine Lösung.
Eine Kollegin sagt zum Beispiel: „Ich weiß gerade überhaupt nicht, wie ich das alles schaffen soll.“
Und ich antworte: „Du musst einfach stärker priorisieren.“
Der Impuls ist gut nachvollziehbar. Ich höre ihre Überforderung, möchte unterstützen, Orientierung geben, etwas leichter machen. Und auch in mir kann ihre Überforderung etwas auslösen: Unruhe, Hilflosigkeit oder den Wunsch, schnell etwas tun zu können. Eine Lösung gibt mir dann wieder ein Stück Handlungsfähigkeit.
Was zwischen uns daraus entsteht, kann ganz unterschiedlich sein. Der Rat kann genau das sein, was sie gerade braucht. Es kann aber auch sein, dass sie sich danach vor allem mit meiner Lösung beschäftigt, mir erklärt, warum das nicht geht, nur „Ja, wahrscheinlich“ sagt – und still wird. Dann hat sich etwas zwischen uns geschoben.
Es kann auch eine andere Bewegung entstehen. Ich bleibe noch etwas bei dem, was sie gerade zeigt: „Das ist gerade ganz schön viel.“ Und höre weiter. Oder ich biete vorsichtig ein Gefühl an: „Das klingt ganz schön ratlos?“ Oder ein Bedürfnis: „Wünschst du dir gerade etwas mehr Überblick?“
Nicht als Technik, mit der ich Verbindung herstellen kann, sondern als Möglichkeit, Raum zu lassen und zu schauen: Was möchte mein Gegenüber gerade von sich zeigen? Wo möchte es weitererzählen?
Und irgendwann verändert sich der Moment. Meine Kollegin sagt zum Beispiel: „Hast du eine Idee?“ Dann ist tatsächlich Raum für meine Gedanken.
Und manchmal kommt dieser Moment gar nicht.
Dann gehört auch dazu, eigene Lösungen innerlich parken zu können. Nicht jeder Rat, der in meinem Kopf auftaucht, ist für mein Gegenüber hilfreich oder überhaupt gefragt. Und gerade wenn es sich drängend anfühlt, ihn mitzuteilen, kann ich neugierig werden: Was geschieht gerade in mir? Möchte ich helfen? Mich wirksam erleben? Fällt es mir schwer, die Wut, Angst, Trauer oder Scham meines Gegenübers mit auszuhalten?
Dann führt mich das Gespräch zunächst einmal zu mir.
Die drei Säulen im Gespräch
An dieser Stelle hilft mir wieder das Bild der drei Säulen, die auch in den vorherigen Seefunk-Folgen schon eine Rolle gespielt haben: Selbstempathie, Empathie und Aufrichtigkeit.

Grafikgestaltung: Sabine Neff | Idee: Sabine Dieterle | Klarseen mit Gewaltfreier Kommunikation
Die innere ICH-Säule ist die Selbstempathie. Ich richte den Blick zunächst auf mich: Was geschieht gerade in mir? Da kann Hilflosigkeit sein, Ungeduld, Unruhe, der Wunsch nach Wirksamkeit oder schlicht die Grenze meiner Aufmerksamkeit. Ich kann bemerken: Die Wut meines Gegenübers macht mich angespannt. Seine Angst berührt meine eigene Unsicherheit. Die Trauer löst Hilflosigkeit in mir aus. Oder die Scham meines Gegenübers ist für mich selbst schwer auszuhalten.
Wenn ich dies bemerke und noch Kapazität habe, kann ich mich wieder der DU-Säule zuwenden – der Empathie: zuhören, Resonanz geben, beim anderen bleiben. Nicht gleich die nächste Frage stellen, nicht sofort etwas lösen. Manchmal reicht ein „Das klingt gerade ganz schön ratlos?“ – und dann wieder Raum.
Und wenn ich merke, dass auch von mir etwas in den Kontakt gehört, kommt die äußere ICH-Säule ins Spiel – die Aufrichtigkeit. Wenn meine Aufmerksamkeit zum Beispiel tatsächlich zu Ende geht, könnte ich sagen: „Ich merke gerade, dass ich dir nicht mehr so zuhören kann, wie ich möchte. Ich brauche eine kurze Pause. Können wir später weiterreden?“
Für mich liegt die Kraft dieser drei Säulen gerade in ihrer Bewegung: mich selbst nicht verlieren, mich dem anderen wirklich zuwenden – und sichtbar werden, wenn von mir etwas in den Kontakt gehört.
Wenn aus Helfen Lenken wird
Im GFK-Kontext werden Kommunikationssperren auch als Dominanzstrategien bezeichnet. Das klingt zunächst ziemlich groß für einen Satz wie „Mach dir keine Sorgen“.
Gemeint ist weniger eine bewusste Absicht als die Bewegung darin: Ich versuche, das Erleben oder Verhalten meines Gegenübers in eine bestimmte Richtung zu bringen – hin zu meiner Lösung, meiner Einschätzung oder zu einem Gefühl, das auch für mich leichter auszuhalten ist. Dabei kann Augenhöhe verloren gehen, obwohl der Wunsch zu helfen dahinterstehen kann.
Bei manchen Kommunikationssperren wird diese lenkende Bewegung noch deutlicher: beim Mahnen, Warnen oder Drohen. „Wenn du jetzt nicht …, dann …“ zielt ziemlich unmittelbar darauf, dass der andere sein Verhalten verändert. In solchen Momenten wollen wir Einfluss nehmen, Kontrolle zurückgewinnen oder auch Dominanz ausüben.
Und auch hier lohnt sich der Blick nach innen. Denn hinter dem Druck nach außen kann gleichzeitig etwas liegen, das in mir schwer auszuhalten ist: Hilflosigkeit, Angst, Anspannung oder Scham. Wenn ich mein Gegenüber dazu bringe, sich anders zu verhalten, muss ich mich mit diesem eigenen Erleben für einen Moment weniger beschäftigen.
Auch unsere Geburtstagsszene lässt sich so lesen: „Wenn du jetzt nicht etwas anderes anziehst …“ richtet den Blick zunächst vollständig auf das Kind und seine Kleidung. Dahinter kann aber mein eigenes peinlich Berührtsein liegen, meine Sorge vor den Blicken der Verwandtschaft oder die Scham darüber, wie wir als Familie wahrgenommen werden könnten. Je stärker ich versuche, dein Außen zu verändern, desto weniger muss ich mich zunächst meinem eigenen Innen zuwenden.
Die GFK lädt mich dazu ein, diese Bewegung überhaupt erst zu bemerken: Bin ich gerade noch neugierig auf deine Welt? Möchte ich vor allem, dass du dich oder dein Verhalten veränderst? Und was davon hat möglicherweise auch damit zu tun, dass in mir gerade etwas schwer auszuhalten ist?
Trösten, schützen – und einen Moment da bleiben
Nicht immer zeigt sich diese Bewegung so deutlich wie beim Mahnen oder Drohen. Manchmal ist sie viel feiner. Auch Trösten kann eine Möglichkeit sein, das Erleben des anderen schnell zu verändern – und damit zugleich etwas in uns selbst leichter auszuhalten.
Ein Kind kommt nach Hause und sagt: „Die haben mich heute nicht mitspielen lassen.“
Sofort springen Sätze an: „Ach, morgen ist das wieder vergessen.“ – „Dann spielst du eben mit jemand anderem.“ – „Die wissen gar nicht, was sie an dir haben.“
Solche Sätze kommen oft sehr schnell. Nicht unbedingt, weil wir bewusst etwas steuern wollen, sondern weil die Traurigkeit des anderen auch in uns etwas auslöst: Hilflosigkeit, Anspannung, Schmerz oder den Wunsch, dass es jetzt wieder leichter wird. Wenn es dem anderen besser geht, wird häufig auch etwas in uns ruhiger.
Dann kann Trösten zu einer schnellen Bewegung weg von dem werden, was gerade da ist. Ein „Oh. Du wolltest so gerne dazugehören“ verändert zunächst gar nichts. Es lässt aber etwas da sein. Mein Kind darf enttäuscht sein. Ich darf berührt sein. Wir müssen noch nicht wissen, wie es weitergeht.
Und daraus kann Trost entstehen: eine Umarmung, ein „Ich bin da“. Später kommt eine Idee, wenn sie gebraucht wird. Oder auch nicht. Manchmal verändert sich schon etwas dadurch, dass zwei Menschen einen Moment gemeinsam bei dem bleiben, was da ist.
Und Humor?
Auch Humor kann eine Bewegung sein, mit der wir Schwere verändern möchten – beim anderen und zugleich in uns selbst. Ein Witz kann Spannung lösen und wieder etwas Luft schaffen. Und kaum etwas lebt so sehr vom Gespür dafür, wo wir beide gerade sind.
Ein Satz kann einige Minuten später befreiend komisch sein und jetzt gerade noch wehtun. „Na komm, jetzt machen wir mal aus einer Mücke keinen Elefanten“ kann irgendwann ein gemeinsamer Insider sein. In einem anderen Moment kommt vor allem an: Stell dich nicht so an.
Auch hier interessiert mich weniger eine Regel für Humor als die Frage nach dem Kontakt: Wo sind wir gerade? Lachen wir wirklich miteinander? Oder hilft mir der Witz gerade selbst, aus der Schwere herauszukommen – während mein Gegenüber mitlacht, um mich zu schützen oder die Harmonie zwischen uns zu bewahren?
Manchmal entsteht Humor nach einem Moment Empathie ganz von selbst – und dann trägt er die Verbindung mit.
Neue Wege brauchen Übungsfelder
Und an dieser Stelle wird für mich das Bild mit den Wanderpfaden wieder wichtig. Wenn ein neuer Weg auch dann zugänglich werden soll, wenn wir gestresst sind, braucht unser System Erfahrungen damit. Nicht nur Wissen.
Neue Wege entstehen in kleinen Übungsfeldern: einen Moment länger zuhören, bevor ich antworte. Bemerken: Da ist gerade sofort mein Rat. Ein Gefühl anbieten und danach wieder still werden. Wahrnehmen: Ich werde unruhig. Oder in einer weniger aufgeladenen Situation ausprobieren, etwas von mir zu zeigen, statt sofort beim anderen etwas verändern zu wollen.
So entstehen nach und nach weitere Pfade. Der alte Wanderweg muss dafür nicht verschwinden. Unserem Nervensystem stehen mit der Zeit einfach mehr Möglichkeiten zur Verfügung.
Deshalb sind Übungsräume so wertvoll. In einem Seminar, einer Übungsgruppe oder auch in einem vertrauten Gespräch können wir Erfahrungen machen, wenn noch etwas mehr Sicherheit und Zeit da sind. Wir können erleben: Ich kann Traurigkeit einen Moment mittragen. Ich kann neben Wut stehen, ohne sie gleich kleiner machen zu müssen. Ich kann Angst hören, ohne sofort beruhigen zu müssen. Ich kann Scham begegnen, ohne sie schnell wegzureden. Ich kann etwas von mir zeigen. Ich kann zuhören, ohne schon zu wissen, wie es weitergeht.
Und manchmal merken wir erst hinterher, welcher Weg gerade genommen wurde.
Wir verstehen uns oft erst hinterher
Der Satz ist längst draußen: „Jetzt stell dich nicht so an!“ – „Wenn du jetzt nicht endlich …“ – „Ich hab dir doch gesagt …“
Und später kommt: Wie konnte ich nur?
Da kann Scham auftauchen. Ärger über uns selbst. Oder einfach die Erkenntnis: So wollte ich in diesem Moment gar nicht mit dir sprechen.
Wir verstehen unser Leben oft rückwärts. Erst danach bemerken wir, welcher Anteil gerade das Steuer übernommen hatte: der gestresste Anteil, der Angst vor den Blicken der Verwandtschaft hatte, der unbedingt alles im Griff behalten wollte, der sich selbst schämte oder der die Traurigkeit des anderen kaum ausgehalten hat.
Auch dieses Hinterher kann ein Übungsfeld sein. Was war da in mir los? Wofür wollte dieser Anteil sorgen? Welcher vertraute Weg war blitzschnell da? Und was könnte beim nächsten Mal zusätzlich zur Verfügung stehen?
Mich erinnern daran auch die UNICEF-Postkarten aus der Aktion „Niemals Gewalt“. Sie greifen Sätze auf, die vielen von uns sehr vertraut sind, und stellen ihnen eine andere Möglichkeit zur Seite. Zum Beispiel wird aus „Wenn du jetzt nicht kommst, geh ich ohne dich!“ ein „… komm ich dir entgegen.“
Und damit zurück zum Geburtstag der Oma. In mir liegt schon der vertraute Satz bereit: „Wenn du jetzt nicht etwas anderes anziehst …“ Dahinter kann eine ganze Menge passieren: Ich bin unter Zeitdruck, möchte pünktlich sein, denke daran, was die Verwandtschaft sagen könnte, und merke, dass mir die Kleidung meines Kindes gerade unangenehm ist.
Wenn ich langsamer werde, kann daraus etwas anderes entstehen: „Puh, ich merke gerade, dass bei mir sofort der Gedanke auftaucht: Was wird die Verwandtschaft sagen? Das hat ziemlich viel mit mir zu tun.“
Oder: „Ich merke, ich hänge an einer bestimmten Vorstellung davon, was für diesen Geburtstag passend ist. Und gleichzeitig sehe ich, dass du dich so wohlfühlst. Dann nehme ich dich so mit.“
Mich interessiert dabei nicht der neue Mustersatz. Mich interessiert, was sich im Kontakt verändert: Ich bemerke meine eigene Unruhe, meine Erwartungen und mein peinlich Berührtsein und übernehme dafür Verantwortung. Mein Kind muss diese Gefühle nicht für mich regulieren. Und plötzlich kann wieder etwas mehr von uns beiden im Raum sein.
Diese Bewegung ist im beruflichen Miteinander genauso bedeutsam. Eine Führungskraft erlebt zum Beispiel, dass eine Absprache nicht eingehalten wird, eine Entscheidung kurzfristig infrage gestellt wird oder ein Gespräch ganz anders läuft als erwartet. Solche Situationen können Ärger, Druck, Unsicherheit oder Stress auslösen – und auch hier springt der Autopilot schnell an: korrigieren, erklären, enger führen, Verantwortung zuweisen, eine Lösung vorgeben.
Spannend wird es, wenn die Situation später noch einmal als Auslösemoment verstanden werden kann: Was genau hat mich so unter Druck gebracht? Was ist in mir angesprungen? Welche Erwartung, welche Sorge, welches Bedürfnis nach Verlässlichkeit, Übersicht oder Einfluss war da?
Dann kann Aufrichtigkeit anders klingen. Eine Führungskraft kann sagen: „Die Situation hat gerade viel Stress in mir ausgelöst. Mir ist Verlässlichkeit an dieser Stelle sehr wichtig.“ Oder unter Kolleginnen und Kollegen: „Das hat gerade viel Stress in mir ausgelöst – und es ist mein Stress. Ich möchte erst einmal sortieren, was genau mich daran so bewegt.“
Auch hier bleibt die Verantwortung für das eigene Erleben bei mir. Der andere muss meinen Stress nicht beseitigen oder sich passend zu meiner inneren Anspannung verhalten. Gleichzeitig mache ich sichtbar, was in mir geschieht. Damit kann wieder mehr Augenhöhe entstehen – und mehr Raum dafür, gemeinsam auf die Situation zu schauen.
Genau darin liegt für mich das Potenzial dieser neuen Wege: nicht alte Sätze ausradieren, sondern bemerken, wenn wir auf ihnen unterwegs sind, verstehen, wofür sie gerade sorgen – und erfahren, dass auch andere Formen von Kontakt möglich sind.
Mehr Möglichkeiten im Miteinander
Die Kommunikationssperren sind für mich deshalb keine Liste von Sätzen, die aus unserem Wortschatz verschwinden müssten. Wir werden weiter beraten, trösten, erklären, fragen, widersprechen, loben und miteinander lachen.
Interessanter finde ich, wahrzunehmen, von wo aus ich gerade spreche. Bin ich bei dir und versuche, deine Welt ein Stück besser zu verstehen? Kann ich hören, was dich bewegt, auch wenn ich es anders sehe? Oder möchte ich deine Welt gerade schnell etwas angenehmer machen – die Traurigkeit kleiner, die Angst beruhigter, die Ratlosigkeit gelöst?
Und bin ich dabei längst auch bei mir? Weil deine Traurigkeit mich hilflos macht. Weil deine Wut mich anspannt. Weil deine Angst meine eigene Unsicherheit berührt. Weil ich das Erleben habe, etwas tun zu müssen, damit es auch in mir wieder ruhiger wird.
Marshall Rosenberg hat dazu formuliert:
„Die Energie, die wir in unsere Worte legen, ist entscheidend. Wenn wir mit der Absicht kommunizieren, zu überzeugen oder zu dominieren, werden wir die Verbindung zu unserem Gegenüber verlieren.“
Für mich ist das eine Einladung, diese innere Bewegung besser kennenzulernen. Ah – da möchte ich gerade unbedingt helfen. Da will ich etwas lösen. Da möchte ich beruhigen. Da fällt es mir schwer, noch einen Moment mit dem da zu sein, was gerade ist.
Und dann stellt sich ganz praktisch die Frage: Was mache ich mit dieser Unruhe, wenn der Rat schon drängt und ich am liebsten sofort etwas sagen würde?
Manchmal hilft schon ein sehr kleiner Moment Selbstempathie. Den Atem wahrnehmen. Die Füße auf dem Boden spüren. Eine Hand auf den Bauch legen oder unauffällig die gegenüberliegende Schulter berühren. Dem eigenen Nervensystem und den inneren Anteilen damit ein körperliches Signal geben: „Ich sehe dich. Dein Anliegen ist da. Ich komme später darauf zurück.“
So muss ich die eigene Unruhe weder wegdrücken noch sofort nach außen bringen. Ich kann innerlich Kontakt zu mir aufnehmen und gleichzeitig in der Präsenz für mein Gegenüber bleiben.
Und ich kann prüfen: Habe ich gerade noch Kapazität zuzuhören? Kann ich bei dem bleiben, was der andere mir zeigt? Oder merke ich, dass meine Ressourcen für diesen Moment nicht mehr reichen und ich selbst eine Pause brauche?
So entsteht ein kleiner Zwischenraum. Ich nehme meinen eigenen Impuls wahr, ohne dass er sofort das Gespräch übernehmen muss. Von dort kann ich wieder schauen: Bin ich noch neugierig auf die Welt meines Gegenübers? Möchte ich weiter zuhören? Oder will ich etwas von mir teilen und werde damit sichtbar?
Gut gemeint ist noch nicht verbunden
Damit komme ich noch einmal zum Titel dieser Folge zurück.
Hinter einem Rat, einem tröstenden Satz, einer Erklärung oder einem Witz steckt oft etwas sehr Zugewandtes. Wir möchten helfen, schützen, entlasten, Orientierung geben. Und gleichzeitig ist ein Gespräch ein Wechselspiel: Ich spreche aus meiner Welt, du hörst aus deiner. Manchmal begegnen wir uns darin leicht. Und manchmal landet etwas, das ich als Unterstützung gemeint habe, beim anderen als Sperre.
Dann ist noch nichts vorbei. Wir können langsamer werden, wieder Kontakt mit uns selbst aufnehmen und neu hinhören. Was ist bei dir? Was ist bei mir? Können beide Welten einen Moment nebeneinander da sein?
Zurück im Flur wartet noch immer der 70. Geburtstag der Oma. Das Kind steht in seiner Kleidung da, die Zeit läuft, ein vertrauter Satz liegt schon auf der Zunge. Und mitten darin kann ein kleiner Moment entstehen: Da bist du. Da bin ich. Mir ist etwas wichtig. Dir auch.
Für mich liegt darin etwas Zuversichtliches an der Gewaltfreien Kommunikation: Verbindung ist nichts Statisches. Wir sind miteinander in Bewegung. Manchmal fließt es, manchmal wird es sperrig. Wir bemerken etwas erst später, kommen zurück, hören noch einmal hin, zeigen etwas von uns – und finden wieder Kontakt.
Es geht nicht darum, dass es zwischen uns nie mehr sperrig wird. Sondern darum, mehr Wege kennenzulernen, über die wir uns wieder begegnen können.
Und dann zu schauen: Gibt es da wieder ein Fenster, durch das wir uns sehen können?
Wenn dich dieses Wechselspiel im Familienalltag beschäftigt – zwischen Zuhören und Handeln, Schutz und Zutrauen, Klarheit, Empathie und einer Portion Humor –, dann greifen Fabian D. Schwarz und ich vieles davon Ende November, am 28. und 29. November 2026 in unserem gemeinsamen Seminar
„Zwischen Grenzen und Gekicher – Humor und Empathie im Familienleben“ in Tübingen. wieder auf.
Und wenn du Gedanken oder Beispiele aus dieser Folge noch einmal in Ruhe nachlesen möchtest, findest du die Lesefassung wie immer auf meiner Klarseen-Seite unter klarseen.de.
Für heute wünsche ich dir Neugier auf dieses Wechselspiel miteinander – und auf die Fenster, durch die wir uns immer wieder neu sehen können.
Herzliche Grüße Deine Sabine Dieterle
Und wenn du das, was dich im Seefunk berührt, gemeinsam mit anderen weiter erkunden und im Alltag verankern möchtest, gibt es dafür verschiedene Erfahrungsräume:
Die nächste See-Zeit ist am 07. November 2026. Auch die weiteren Termine für 2026 und die neuen Termine für 2027 findest du bereits online:
https://klarseen.de/gfk-uebungsgruppe-praesenz-online/
Für alle, die sich einen längeren gemeinsamen Übungstag wünschen, gibt es 2027 außerdem wieder zwei Tage am See – GFK vertiefen:
https://klarseen.de/vertiefung-gewaltfreie-kommunikation-tag-am-see/
Vom 23. bis 25. April 2027 findet in Tübingen wieder mein Basisseminar „Eintauchen in die Gewaltfreie Kommunikation“ statt:
https://klarseen.de/eintauchen-in-die-gewaltfreie-kommunikation/
Ob in einem Seminar, in der Übungsgruppe oder an einem Tag am See: Ich freue mich auf Räume, in denen wir langsamer werden, genauer wahrnehmen und Verbindung, Klarheit und Lebendigkeit entstehen lassen können.
Keinen Seefunk mehr verpassen…


